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Amazon stellt in Dortmund Vulcan vor, seinen ersten Roboter mit Tastsinn, der rund 75 Prozent der Lagerartikel greifen und einlagern kann

Amazon hat am 7. Mai 2025 auf seiner Veranstaltung Delivering the Future in Dortmund den Lagerroboter Vulcan präsentiert, dessen Greifwerkzeuge mit Kraftsensoren ausgestattet sind. Nach Konzernangaben beherrscht Vulcan rund 75 Prozent der in den Logistikzentren gelagerten Artikeltypen, arbeitet bereits in Spokane und Hamburg und soll in den kommenden etwa zwei Jahren an weiteren Standorten in Europa und den USA eingesetzt werden.

MEKAWIRE-Redaktion5 Min. Lesezeit

Zusammenfassung

Amazon hat am 7. Mai 2025 auf seiner Veranstaltung Delivering the Future in Dortmund den Roboter Vulcan vorgestellt, nach Angaben des Konzerns seinen ersten mit Tastsinn. Vulcan erfasst über Kraftsensoren in seinen Greifwerkzeugen Kontakt und Druck und entnimmt damit Artikel aus den textilbespannten Lagerregalen, den sogenannten Pods, oder lagert sie dort ein. Amazon zufolge bewältigt das System bereits rund 75 Prozent der in seinen Logistikzentren gelagerten Artikeltypen, und zwar in einem Tempo, das dem der Beschäftigten entspricht.

Zum Start lief Vulcan an zwei Standorten, im Logistikzentrum GEG1 in Spokane im US-Bundesstaat Washington und in einer Anlage in Hamburg. Eine 2025 auf Amazon Science veröffentlichte Studie berichtet, dass das Einlagerungssystem in einem großen E-Commerce-Logistikzentrum mehr als 500.000 Einlagerungen absolviert und dabei menschliche Packdichte und Geschwindigkeit erreicht hat. Eine zweite Studie beschreibt, dass das Kommissioniersystem mehr als sechs Monate im Echtbetrieb lief und über 12.000 Kundenbestellungen bearbeitete. Amazon will Vulcan in den kommenden etwa zwei Jahren an Standorten in ganz Europa und den USA einsetzen.

Der Roboter übernimmt die Fächer, die für Menschen am beschwerlichsten sind. Die Pods sind in Fächer von etwa einem Fuß Kantenlänge unterteilt, die im Schnitt bis zu zehn Artikel fassen und mit Gummibändern gesichert sind. In Spokane und Hamburg arbeitet Vulcan vor allem in den obersten Reihen, rund acht Fuß hoch und sonst nur per Trittleiter erreichbar, sowie in Fächern nahe dem Boden. Laut Amazon Science haben sechs Vulcan-Stow-Roboter einen Pilotbetrieb in Spokane abgeschlossen, 30 weitere sind dort für eine Betaphase geplant, und am deutschen Standort ist ein größerer Einsatz vorgesehen, der Einlagerungs- und Kommissionierroboter kombiniert. Mittlere Regalebenen, dicht gefüllte Fächer und heikle Artikel wie Flüssigkeitsbehälter bleiben bei den Beschäftigten.

Technisch dreht sich alles um den Tastsinn. Jedes Endeffektorwerkzeug trägt nach Angaben von Amazon Science einen Sechs-Achsen-Kraft-Momenten-Sensor, sodass der Roboter abschätzen kann, wie stark er drückt, und zurückweicht, bevor die Kraft zu groß wird. Das Einlagerungswerkzeug, das Amazon mit einem auf ein Glätteisen geklebten Lineal vergleicht, besteht aus zwei parallelen Platten mit eingebauten Förderbändern und einer ausfahrbaren Aluminiumklinge, die vorhandene Artikel beiseiteschiebt. Zum Kommissionieren dient ein Sauggreifer mit Kamera. Ein zweiter Arm mit Haken hebt die Gummibänder an, drei Stereokamerapaare an einem Turm erzeugen ein 3D-Modell jedes Fachs.

Die Software übersetzt diese Signale in Entscheidungen. Beim Einlagern trennen drei Deep-Learning-Modelle Bänder, Fächer und Artikel; trainiert wurden sie teils mit synthetischen Bildern, in die generative KI Gummibänder einfügte. Anschließend sucht das System freien Raum und verkettet Steuerungsschritte wie Anfahren, Klinge ausfahren, Schieben und Auswerfen. Beim Kommissionieren ordnet ein MaskDINO-Segmentierungsmodell die Objekte in vier Klassen, ein per kontrastivem Lernen trainiertes Modell gleicht das Zielprodukt mit Referenzfotos aus anderen Prozessschritten ab. Während der Entnahme überwacht das System den Saugdruck, die Kamera nimmt zehn niedrig aufgelöste Bilder pro Sekunde auf. Kann Vulcan einen Artikel nicht bewegen, bittet er nach Amazons Angaben einen Menschen um Übernahme.

Aaron Parness, Director of Applied Science bei Amazon, bezeichnete herkömmliche Roboter als „numb and dumb“, also gefühllos und begriffsstutzig, und nannte Vulcan einen grundlegenden Sprung für die Robotik. Er verglich den Ansatz mit dem Aufheben einer Münze vom Tisch, bei dem man zuerst die Tischplatte berührt und die Finger dann bis zur Münze gleiten lässt. Gegenüber Amazon Science sprach er von womöglich 20 Jahren an Anwendungen für diese kraftgeregelte Manipulation mit viel Kontakt.

Amazon hat nach eigenen Angaben in den vergangenen zwölf Jahren mehr als 750.000 Roboter in seinen Logistikzentren installiert, die an 75 Prozent der Kundenbestellungen beteiligt sind. Die Einlagerungsstudie hält fest, dass die Artikelvielfalt und strenge Vorgaben zu Leistung und Fehlerquote Lagerroboter bislang von dieser Aufgabe ferngehalten haben. Vulcan setzt genau dort an, beim einzelnen Artikel im vollen Fach.

In Europa gibt es spezialisierte Anbieter mit beträchtlicher Finanzierung. Der französische Lagerautomatisierer Exotec sammelte im Januar 2022 in einer Serie D 335 Millionen Dollar bei einer Bewertung von 2 Milliarden Dollar ein, das polnische Kommissionier-Start-up Nomagic im Februar 2025 eine Serie B über 44 Millionen Dollar, die deutsche Sereact im April 2026 eine Serie B über 110 Millionen Dollar. In den USA meldeten Dexterity im Oktober 2021 140 Millionen Dollar aus Eigen- und Fremdkapital und Covariant im April 2023 eine Serie-C-Erweiterung über 75 Millionen Dollar. Diese Firmen verkaufen an viele Kunden, Amazon entwickelt Vulcan für das eigene Netz und behält Standorte und Betriebsdaten in der Hand.

Lager- und Kommissionierrobotik: zuletzt offengelegte Finanzierung
  • Amazon (Vulcan, Eigenentwicklung)
    Land
    US
    Gründung
    Keine Daten
    Runde
    Keine Daten
    Betrag (USD)
    Keine Daten
    Post-Money (USD)
    Keine Daten
    Bekanntgabe
    Keine Daten
  • Exotec
    Land
    FR
    Gründung
    2015
    Runde
    Serie D
    Betrag (USD)
    335.000.000
    Post-Money (USD)
    2.000.000.000
    Bekanntgabe
    2022-01-17
  • Sereact
    Land
    DE
    Gründung
    2021
    Runde
    Serie B
    Betrag (USD)
    110.000.000
    Post-Money (USD)
    Keine Daten
    Bekanntgabe
    2026-04-27
  • Nomagic
    Land
    PL
    Gründung
    2017
    Runde
    Serie B
    Betrag (USD)
    44.000.000
    Post-Money (USD)
    Keine Daten
    Bekanntgabe
    2025-02-26
  • Dexterity
    Land
    US
    Gründung
    2017
    Runde
    Serie B (Eigen- und Fremdkapital)
    Betrag (USD)
    140.000.000
    Post-Money (USD)
    Keine Daten
    Bekanntgabe
    2021-10-13
  • Covariant
    Land
    US
    Gründung
    2017
    Runde
    Serie-C-Erweiterung
    Betrag (USD)
    75.000.000
    Post-Money (USD)
    Keine Daten
    Bekanntgabe
    2023-04-04

Jeweils letzte Runde mit offengelegtem Betrag laut Mitteilung des Unternehmens, des Investors oder der EBRD (MEKAWIRE-verifizierte Daten). Amazon finanziert Vulcan intern und nannte keine vergleichbare Zahl. Nur offengelegte Werte, keine Schätzungen; null bedeutet nicht offengelegt.

Stand: 3. Okt. 2026

Für den deutschen Markt ist die Wahl des Schauplatzes bemerkenswert. Amazon präsentierte den Roboter in Dortmund und betreibt ihn in Hamburg, mitten im europäischen Logistikgeschäft. Für Intralogistiker und Mittelständler, die Bestandsgebäude mit manuell bedienten Regalen betreiben, zeigt Vulcan einen Weg, Automatisierung ohne Umbau auf roboterspezifische Behälter oder Hochregaltechnik zu erreichen. Gefragt sind dabei Kraft-Momenten-Sensorik, Greiftechnik und Bildverarbeitung, also Felder, in denen europäische Zulieferer aktiv sind.

Offen bleibt einiges. Die 75 Prozent beziehen sich auf Artikeltypen, nicht auf das Volumen eines Standorts. Über die Pilot- und Betazahlen hinaus nannte Amazon weder Stückzahlen noch Fehlerquoten im Regelbetrieb, und beide Studien beruhen auf jeweils einem Standort. Das Tempo der Ausbreitung hängt davon ab, ob Kosten und Zuverlässigkeit der Hardware über viele Häuser mit unterschiedlichem Sortiment stabil bleiben.

Am 4. Juni 2026 erklärte Amazon, die Investition von mehr als 10 Milliarden Euro in den kommenden Jahren in Ausbau und Modernisierung europäischer Logistikzentren schließe die Ausweitung von Vulcan ein. Als Nächstes zählt, an wie vielen Standorten Vulcan bis Mai 2027 läuft, dem Ende des beim Start genannten Zweijahresfensters, und ob Amazon Qualitätsdaten aus dem Regelbetrieb veröffentlicht.

MEKAWIRE-Analyse

Vulcan zählt weniger als einzelne Maschine denn als Beleg, dass Kraftsensorik dichte, für Menschen gebaute Lagerregale robotertauglich machen kann, ohne das Lager neu zu bauen.

Dafür sprechen Amazons eigene Zahlen: mehr als 500.000 Einlagerungen mit menschlicher Dichte und Geschwindigkeit an einem Standort, über 12.000 kommissionierte Kundenbestellungen in mehr als sechs Monaten Echtbetrieb und eine Abdeckung von rund 75 Prozent der Artikeltypen. Erreicht wurde das in den vorhandenen Textil-Pods, nicht in einem Lagersystem für Roboter.

Das stärkste Gegenargument lautet, dass das schwierige Viertel der Artikel und die mittleren Ebenen beim Menschen bleiben. Vulcan ergänzt Arbeit, statt einen Prozess vollständig zu ersetzen, und die Artikelabdeckung sagt nichts über die Kosten pro Griff, die Amazon nicht offenlegt.

Optimistisches Szenario. Halten die Betaphase in Spokane und der kombinierte Einsatz in Deutschland ihre Leistung, hat Amazon eine Vorlage für weitere Häuser mit denselben Pods, und das im Juni 2026 angekündigte Europa-Programm über mehr als 10 Milliarden Euro liefert das Budget. Mit jedem Standort wachsen die Tastdaten, die Abdeckung könnte über 75 Prozent steigen.

Pessimistisches Szenario. Kontaktreiche Manipulation reagiert empfindlich auf Verschleiß, Sortiment und Zustand der Bänder. Steigen Fehlerquoten oder Wartungskosten mit der Größe, bleibt Vulcan ein Nischenwerkzeug für oberste und unterste Reihen.

Signale, die wir beobachten

  • Mai 2027, Ende des von Amazon genannten Zweijahresfensters: Zahl der Logistikzentren mit Vulcan außerhalb von Spokane und Hamburg.
  • 2026 und 2027: Standortankündigungen im Rahmen des Europa-Programms über mehr als 10 Milliarden Euro, die Vulcan nennen.
  • Neue Veröffentlichungen auf Amazon Science: aktualisierte Werte zu Abdeckung, Einlagerungs- und Kommissionierzahlen sowie Fehlerquoten.

Gute oder schlechte Nachricht für das Unternehmen?

 

Eckdaten
Vorstellung
7. Mai 2025, Delivering the Future, Dortmund
Gerät
Amazons erster Roboter mit Tastsinn, für Kommissionierung und Einlagerung
Artikelabdeckung
Rund 75 Prozent der gelagerten Artikeltypen
Standorte zum Start
GEG1 in Spokane (Washington) und eine Anlage in Hamburg
Einlagerungen
Mehr als 500.000 an einem Standort (Amazon-Science-Studie 2025)
Kommissionierung
Über 12.000 Kundenbestellungen in mehr als sechs Monaten (Studie 2025)
Pilot und Beta
Sechs Stow-Roboter im Pilotbetrieb in Spokane, 30 weitere geplant
Sensorik
Sechs-Achsen-Kraft-Momenten-Sensor an jedem Werkzeug, drei Stereokamerapaare
Rollout
Standorte in Europa und den USA in den kommenden etwa zwei Jahren
Später
4. Juni 2026: Vulcan-Ausbau Teil der Europa-Investition von mehr als 10 Milliarden Euro
Quellen
MEKAWIRE Intelligence
  1. 01

    Warum das wichtig ist

    Bisher bedeutete Lagerautomatisierung meist, Ware zum Menschen zu bringen oder Lager eigens für Roboter zu bauen. Vulcan geht den umgekehrten Weg und greift in die für Menschenhände gebauten Textilfächer hinein. Amazon untermauert das mit Zahlen aus dem Echtbetrieb: mehr als 500.000 Einlagerungen und über 12.000 kommissionierte Bestellungen.

    Hinzu kommt die Größenordnung. Amazon hat mehr als 750.000 Roboter installiert, die an 75 Prozent der Bestellungen mitwirken. Ein Greifsystem, das zum vorhandenen Pod-Format passt, kann auf diesem Bestand aufsetzen, und die Entscheidung vom Juni 2026, Vulcan in das Europa-Programm über mehr als 10 Milliarden Euro aufzunehmen, zeigt, dass Budget bereitsteht.

  2. 02

    Wettbewerbsanalyse

    Europäische Spezialisten wie Exotec, Sereact und Nomagic sowie US-Anbieter wie Dexterity und Covariant haben in ihren jüngsten offengelegten Runden zwischen 44 und 335 Millionen Dollar eingesammelt. Sie müssen jedem Kunden die Wirtschaftlichkeit nachweisen, während Amazon Entwicklungskosten über das eigene Netz verteilt und die Daten behält.

    Die Bedrohung ist mittelbar, da Amazon Vulcan nicht verkauft. Der Konzern setzt aber einen öffentlichen Maßstab für Artikelabdeckung und Tempo. Einkäufer bei Händlern und Logistikdienstleistern dürften Anbieter künftig fragen, wie sie mit vollen, nachgiebigen Fächern umgehen und welche Rolle Kraftsensorik dabei spielt.

  3. 03

    Bewertungskontext

    Amazon weist Kosten oder Wert von Vulcan nicht aus. Die einzige mit Vulcan verknüpfte Summe ist die am 4. Juni 2026 genannte Europa-Investition von mehr als 10 Milliarden Euro, die auch andere Technik umfasst.

    Unter den Vergleichsunternehmen liegt nur für Exotec eine offengelegte Bewertung vor: 2 Milliarden Dollar nach der Serie D über 335 Millionen Dollar im Januar 2022. Für die übrigen Runden fehlen Post-Money-Werte, Bewertungssprünge lassen sich daher nicht berechnen.

  4. 04

    Folgen für die Lieferkette

    Nach Amazon Science kombiniert Vulcan Standard-Roboterarme mit eigenen Endeffektoren, Sechs-Achsen-Kraft-Momenten-Sensoren, Sauggreifern, Förderband-Platten, einer ausfahrbaren Aluminiumklinge und drei Stereokamerapaaren. Lieferanten für Arme und Sensoren nannte Amazon nicht.

    Die Differenzierung liegt in Software und Daten. Die Hardware ist vergleichsweise konventionell, was Herstellern von Kraftsensorik, Greiftechnik und industrieller Bildverarbeitung Chancen eröffnet, auch europäischen Zulieferern, sofern sie Stückzahlen und Kosten für Logistikanwendungen liefern können.

  5. 05

    Worauf jetzt zu achten ist

    Erstens die Breite. Amazon nannte im Mai 2025 einen Zeitraum von etwa zwei Jahren, der Mai 2027 ist damit der natürliche Prüfpunkt für Standorte jenseits von Spokane und Hamburg, auch für weitere deutsche Häuser.

    Zweitens die Transparenz. Neue Studien oder Beiträge mit Fehlerquoten, Leistung pro Stunde und einer Abdeckung über 75 Prozent würden zeigen, ob das System mit Flottendaten besser wird. Drittens konkrete Standortmeldungen im Rahmen des Europa-Programms vom 4. Juni 2026, die Vulcan nennen.

  6. 06

    Analystensicht

    These: Vulcan ist ein glaubwürdiger Schritt zu Robotern, die in menschengerechten Lagern arbeiten; sein Hauptwert für Amazon liegt in Daten und Know-how, nicht in den Einsparungen einzelner Standorte. Zuversicht: mittel. Dafür sprechen konkrete Zahlen aus dem Echtbetrieb und die Budgetaussage vom Juni 2026. Dagegen steht, dass beide Studien auf je einem Standort beruhen und Stückkosten, Fehlerquoten und Flottengröße unbekannt sind.

    Wir würden die Zuversicht erhöhen, wenn Amazon bis Mai 2027 deutlich mehr Standorte samt Qualitätskennzahlen meldet, und senken, wenn Vulcan im Pilotmaßstab verharrt.

  7. 07

    Offene Fragen

    Amazon hat nicht gesagt, wie viele Vulcan-Zellen geplant sind, was eine Zelle kostet und welcher Anteil von Einlagerung und Kommissionierung eines Standorts nach Automatisierung der oberen und unteren Reihen auf Roboter entfallen kann.

    Unklar ist auch, ob die Abdeckung von 75 Prozent mit wachsender Datenbasis steigt, wie sich Fehlerquoten im Alltag mit denen der Beschäftigten vergleichen und ob Amazon die Technik Dritten anbieten wird.