Amazon stellt Mehrarm-Roboter Blue Jay und den KI-Agenten Project Eluna für seine Logistikzentren vor
Auf seiner Veranstaltung „Delivering the Future“ am 22. Oktober 2025 hat Amazon das Mehrarm-System Blue Jay und den KI-Agenten Project Eluna präsentiert. Blue Jay sollte nach Konzernangaben rund 75 Prozent der Artikeltypen am Teststandort in South Carolina bewältigen und war in gut einem Jahr serienreif; laut einem Nachtrag vom 25. Februar 2026 setzt Amazon das System im Betrieb nicht mehr ein.
Amazon hat am 22. Oktober 2025 auf seiner jährlichen Veranstaltung „Delivering the Future“ zwei neue Werkzeuge für sein Logistiknetz vorgestellt. Blue Jay ist eine Roboterzelle, in der mehrere Arme gemeinsam Waren kommissionieren, einlagern und zu Sendungen zusammenführen. Project Eluna ist ein agentisches KI-System, das Echtzeit- und historische Betriebsdaten auswertet und Schichtleitern in natürlicher Sprache sagt, wo sich Engpässe anbahnen. Beide Systeme sollen nach Darstellung des Konzerns monotone und körperlich belastende Arbeit reduzieren und die Zustellung beschleunigen.
Nach Amazons Angaben bündelt Blue Jay Arbeitsschritte, die bislang auf drei getrennte Roboterstationen verteilt waren, in einem einzigen Arbeitsbereich. Im Logistikzentrum in South Carolina, wo das System getestet wurde, könne es bereits etwa 75 Prozent der unterschiedlichen Artikeltypen handhaben, die Amazon lagert. Das Unternehmen bezeichnete Blue Jay als Kerntechnologie für seine Same-Day-Standorte. Diese kleineren, stadtnahen Gebäude sind vor allem durch ihre Fläche begrenzt.
Am stärksten hob Amazon die Entwicklungszeit hervor. Blue Jay sei in gut einem Jahr vom Konzept bis zur Produktion gelangt, während frühere Systeme wie Robin, Cardinal und Sparrow drei Jahre oder länger benötigt hätten. Als Grund nannte der Konzern digitale Zwillinge, also Simulationen mit realer Physik, sowie Daten und Erfahrungen aus seiner bestehenden Roboterflotte. Tye Brady, Chief Technologist von Amazon Robotics, beschrieb das Ziel, Technik zum praktischsten Werkzeug zu machen, damit Arbeit sicherer und lohnender werde.
Project Eluna zielt auf einen anderen Engpass, nämlich die Zeit, die Führungskräfte vor Dashboards verbringen. Laut Amazon analysiert Eluna historische und aktuelle Daten, erkennt Staus im Voraus und empfiehlt Maßnahmen. Bediener können in Alltagssprache fragen, wohin Personal verlagert werden sollte, um einen Engpass zu vermeiden. Der Pilotbetrieb lief im Weihnachtsgeschäft 2025 in einem Logistikzentrum in Tennessee, zunächst für die Sortierung. Ergänzend nannte Amazon die Planung ergonomischer Arbeitsplatzrotationen und von Wartungsterminen.
Die beiden Neuheiten waren Teil eines größeren Pakets. Amazon zeigte zudem eine Datenbrille für Zusteller, an deren Entwicklung Hunderte Fahrer mitgewirkt hätten, meldete, dass seit 2022 mehr als 300.000 Fahrer ein Virtual-Reality-Training absolviert hätten, und bekräftigte, bis 2026 rund 4 Milliarden Dollar in die Verdreifachung seines ländlichen Zustellnetzes zu investieren. Für die Belegschaft verwies der Konzern auf das Weiterbildungsprogramm Career Choice, Ausbildungen in Mechatronik und Robotik sowie neue KI-Schulungen und kündigte 250.000 Saisonstellen an.
Blue Jay reiht sich in eine dichte Folge von Robotik-Ankündigungen ein. Im Mai 2025 präsentierte Amazon auf der Veranstaltung in Dortmund den Roboter Vulcan, der dank Kraftsensorik einen Tastsinn hat, rund 75 Prozent der Artikeltypen greifen und einlagern könne und in Spokane im US-Bundesstaat Washington sowie in Hamburg im Einsatz sei. Am 1. Juli 2025 meldete Amazon den einmillionsten Roboter an einem Standort in Japan, Roboter in mehr als 300 Einrichtungen sowie das KI-Grundmodell DeepFleet, das die Fahrzeiten der Flotte um 10 Prozent verkürze.
- Vulcan
- 2025-05-07
- Kommissionier- und Einlagerroboter mit Kraftsensorik
- 75
- Im Einsatz in Spokane (USA) und Hamburg
- Ausweitung in Europa und den USA angekündigt
- DeepFleet
- 2025-07-01
- Generatives KI-Grundmodell zur Flottensteuerung
- Keine Daten
- Fahrzeiten der Flotte um 10 Prozent verkürzt
- Eingeführt
- Blue Jay
- 2025-10-22
- Mehrarmzelle für Kommissionieren, Einlagern, Zusammenführen
- 75
- Gut 1 Jahr vom Konzept zur Produktion
- Aus dem Betrieb genommen (Nachtrag 2026-02-25)
- Project Eluna
- 2025-10-22
- KI-Agent für Betriebsleiter
- Keine Daten
- Pilot in 1 Logistikzentrum in Tennessee
- Pilot bekannt, keine Ergebnisse veröffentlicht
Alle Kennzahlen laut Amazon auf aboutamazon.com, nicht unabhängig geprüft. Anteil bezieht sich auf Artikeltypen, nicht auf Mengen.
Stand: 1. Okt. 2026
Für Europas Intralogistik ist das ein relevantes Signal. Anbieter wie KION mit Dematic, Jungheinrich, Körber, SSI Schäfer oder die französische Exotec leben davon, dass Händler und Logistiker Automatisierung zukaufen. Wenn der größte Onlinehändler die anspruchsvollste Stufe, das Greifen gemischter Artikel, selbst integriert, verschiebt sich die Verhandlungsposition der Systemhäuser. Für den Mittelstand unter den Zulieferern von Greifern, Vakuumtechnik, Sensorik und Antrieben eröffnet ein solcher Ansatz dagegen Chancen auf Komponentengeschäft, sofern Amazon auf Teilebene einkauft.
- Dexterity
- US
- 2017
- Series B (Eigen- und Fremdkapital)
- 140.000.000
- Keine Daten
- 2021-10-13
- Exotec
- FR
- 2015
- Series D
- 335.000.000
- 2.000.000.000
- 2022-01-17
- Locus Robotics
- US
- 2015
- Series F
- 117.000.000
- Keine Daten
- 2022-11-29
- Mujin
- JP
- 2011
- Series D (erstes Closing)
- Keine Daten
- Keine Daten
- 2025-12-02
Angaben der Unternehmen oder Investoren; null bedeutet keine veröffentlichte Zahl im geprüften MEKAWIRE-Datensatz. Amazon nennt keine Entwicklungskosten für Blue Jay oder Eluna.
Stand: 1. Okt. 2026
Im internationalen Wettbewerb stehen zudem Symbotic, AutoStore, Ocado, Locus Robotics, Geek+, Dexterity und Mujin. Technisch beruht Blue Jay auf Koordination. Teilen sich mehrere Arme einen Arbeitsraum, müssen sie dieselben Behälter erfassen, Kollisionen vermeiden und trotzdem den Durchsatz halten. Amazon erklärte die kurze Entwicklungszeit damit, dass diese Abläufe vor dem Bau der Hardware in der Simulation erprobt wurden. Eluna ist dagegen eine Softwareschicht über dem Betrieb, eine Sprachmodell-Oberfläche für Betriebsdaten, die Entscheidungen vorschlägt, aber nicht selbst ausführt.
In der angekündigten Form hatte Blue Jay keinen Bestand. Auf der Produktseite ergänzte Amazon einen Nachtrag vom 25. Februar 2026: Das Unternehmen nutze Blue Jay im Betrieb nicht mehr, die zugrunde liegende Technologie werde die Beschäftigten im Netz aber weiter unterstützen. Gründe nannte Amazon nicht, ebenso wenig, ob das System über South Carolina hinaus ausgerollt worden war. Zahlen zu Durchsatz, Kosten und Zuverlässigkeit legte der Konzern nie vor; für Eluna gibt es außer dem einen Pilotstandort keine veröffentlichten Ergebnisse.
MEKAWIRE-Analyse
Dass Blue Jay nach vier Monaten aus dem Betrieb verschwand, zeigt, dass Amazon Lagerroboter inzwischen als schnelle, verzichtbare Experimente auf Basis gemeinsamer Simulations- und Flottendaten behandelt und der dauerhafte Wert in dieser Entwicklungsmaschine liegt, nicht in einzelnen Anlagen.
Dafür sprechen Amazons eigene Aussagen. Der Konzern verkürzte die Entwicklungszeit von drei und mehr Jahren auf gut ein Jahr, führte das auf digitale Zwillinge und Flottendaten zurück und betonte beim Rückzug von Blue Jay, die Technologie lebe weiter. Wer eine Mehrarmzelle in einem Jahr bauen kann, kann sich auch leisten, eine davon aufzugeben.
Das stärkste Gegenargument ist schlichter. Ein System, das vier Monate nach dem Start aus dem Betrieb genommen wird, kann an Kosten, Tempo oder Zuverlässigkeit gescheitert sein. Schnell Anlagen zu bauen, die Spitzenlasten nicht standhalten, ist noch kein Wettbewerbsvorteil, und Amazons Schweigen zu den Gründen lässt diese Lesart offen.
Optimistisches Szenario: Wahrnehmung, Bewegungsplanung und Simulationsbausteine von Blue Jay fließen in Vulcan und spätere Zellen ein, Eluna wird von Tennessee auf das ganze Netz ausgeweitet und senkt die Kosten jedes Automatisierungsprojekts. Amazons interne Entwicklungsgeschwindigkeit wird dann zu einem Burggraben, den spezialisierte Systemhäuser nicht überwinden.
Pessimistisches Szenario: Mehrarm-Manipulation im Logistiktempo bleibt schwieriger, als Vorführungen nahelegen, und Amazon bleibt bei Lagerung und Kommissionierung auf Spezialanbieter angewiesen. Eluna bleibt ein Dashboard-Assistent ohne belegten Nutzen, und die Veranstaltung vom Oktober 2025 wird eher für Ankündigungen als für Einsätze erinnert.
Signale, die zu beobachten sind:
- Amazons Zahlen zum dritten Quartal 2026 Ende Oktober 2026 mit Angaben zu Investitionen und Robotereinsatz.
- Das Weihnachtsgeschäft November bis Dezember 2026 und mögliche Amazon-Angaben zur Ausweitung von Eluna.
- Der Geschäftsbericht 2026 (Form 10-K) Anfang 2027 mit Roboterzahlen und Aussagen zur Automatisierung.
- 22. Oktober 2025, Veranstaltung Delivering the Future
- Mehrarm-System für Kommissionieren, Einlagern und Zusammenführen in einem Arbeitsbereich statt drei Stationen
- Rund 75 Prozent der Artikeltypen am Teststandort South Carolina (Amazon-Angabe)
- Gut ein Jahr vom Konzept bis zur Produktion, frühere Systeme drei Jahre oder mehr
- KI-Agent im Pilotbetrieb in einem Logistikzentrum in Tennessee, zuerst Sortierung
- 250.000 Stellen für das Weihnachtsgeschäft 2025
- Nachtrag vom 25. Februar 2026: Blue Jay nicht mehr im Betrieb
Warum das wichtig ist
Blue Jay und Eluna stehen für zwei Stoßrichtungen der Amazon-Automatisierung. Blue Jay stapelt drei Arbeitsschritte in einer Zelle und adressiert damit die Flächennot kleiner Same-Day-Standorte; Eluna beschleunigt die Datenauswertung der Schichtleitung, damit Personal umgesetzt werden kann, bevor sich Warteschlangen bilden. Automatisiert werden also sowohl die Hände am Band als auch das Urteil der Vorgesetzten.
Das dauerhaftere Signal ist die Entwicklungszeit. Hält Amazons Angabe, ein Mehrarm-System in gut einem Jahr zur Produktion gebracht zu haben, ändert sich die Wirtschaftlichkeit eigener Automatisierung. Mehr Projekte lassen sich ausprobieren, und Fehlschläge wie der Rückzug von Blue Jay im Februar 2026 kosten weniger.
Wettbewerbsanalyse
Systemanbieter wie Symbotic, AutoStore, Ocado, Exotec, Locus, Geek+, Dexterity und Mujin sowie europäische Generalunternehmer wie Dematic, Jungheinrich, Körber und SSI Schäfer verkaufen an Händler ohne eigene Entwicklungsabteilung in Amazon-Größe. Sie müssen Entwicklungskosten auf viele Kunden verteilen; Amazon verteilt sie auf ein riesiges eigenes Netz und eigene Daten.
Der Rückzug von Blue Jay mindert kurzfristig den Druck auf Greifspezialisten wie Dexterity und Mujin. Nach Amazons Aussage bleibt die Technologie aber im Haus und kann in anderer Form zurückkehren. Für deutsche Systemhäuser heißt das, dass Amazon als Referenzkunde für Kommissionierautomatik unsicher bleibt.
Bewertungskontext
Amazon weist Robotikinvestitionen und deren Rendite nicht gesondert aus und nannte für keines der Systeme Kosten oder Produktivitätswerte. Der Bewertungseffekt steckt in den operativen Margen des Nordamerika- und des internationalen Handelsgeschäfts, wo Automatisierung nur ein Hebel unter mehreren ist.
Die Vergleichswerte privater Wettbewerber sind älter. Exotec wurde im Januar 2022 nach einer Series D über 335 Millionen Dollar mit 2 Milliarden Dollar bewertet, Locus sammelte im November 2022 117 Millionen Dollar ein, Dexterity im Oktober 2021 140 Millionen Dollar. Amazons Fähigkeit, vergleichbare Funktionen selbst zu bauen, wirkt als dauerhafter Abschlag für jeden Anbieter, der Amazon als Zielkunden zählt.
Folgen für die Lieferkette
Mehrarmzellen benötigen Industriearme, Vakuum- und Greifersysteme, 3D-Bildverarbeitung und Edge-Rechner. Lieferanten für Blue Jay nannte Amazon nicht. Die einjährige Entwicklung begründete der Konzern mit Simulation und Daten seiner Flotte, die im Juli 2025 die Marke von einer Million Robotern überschritt.
Eluna hängt von Dateninfrastruktur ab: Sensorik in den Standorten, Sortierprotokolle und Personaleinsatzplanung. Für europäische Komponentenhersteller aus dem Mittelstand, etwa bei Greifern, Vakuumtechnik und Sicherheitssensorik, ergibt sich ein Chancenfenster, falls Amazon stärker auf Teileebene beschafft; zugleich steigen dann die Anforderungen an Stückkosten und Lieferfähigkeit.
Worauf jetzt zu achten ist
Erstens Amazons Quartalsberichte und 10-K mit Roboterzahlen, Investitionen und Hinweisen auf die Automatisierung der Same-Day-Standorte. Zweitens neue Systeme auf aboutamazon.com, die das Mehrarm-Konzept von Blue Jay aufgreifen und damit Amazons Aussage zur Weiterverwendung belegen würden.
Drittens eine Ausweitung von Eluna über den Pilot in Tennessee hinaus, möglichst mit gemessenen Ergebnissen wie weniger Sortierrückstau oder Überstunden. Viertens die nächste Ausgabe von Delivering the Future, 2025 Amazons wichtigste Bühne für Robotik-Neuheiten, einschließlich der Dortmunder Veranstaltung.
Analystensicht
These: Amazons eigentliches Produkt ist seine Robotik-Entwicklungsmaschine, Blue Jay war eines ihrer Ergebnisse. Zuversicht: mittel. Die Angaben zur Entwicklungszeit und der Nachtrag vom Februar 2026 stützen diese Sicht, doch fehlen Daten zu Kosten, Durchsatz und Zuverlässigkeit, und der Grund für den Rückzug ist unbekannt.
Wir würden die Zuversicht erhöhen, wenn Amazon binnen eines Jahres ein Nachfolgesystem mit Blue-Jay-Komponenten vorstellt oder Eluna mit Messergebnissen an mehreren Standorten einführt. Wir würden sie senken, wenn die nächsten Ankündigungen zu Einzweckrobotern und langen Entwicklungszyklen zurückkehren.
Offene Fragen
Warum genau hat Amazon Blue Jay aus dem Betrieb genommen: Durchsatz, Kosten, Zuverlässigkeit, geänderte Planung der Same-Day-Standorte oder Ersatz durch ein anderes System? Wie viele Zellen wurden bis Februar 2026 gebaut?
Welchen messbaren Effekt hatte Eluna im Weihnachtsgeschäft 2025 auf die Sortierleistung in Tennessee, und auf welchem Modell und welcher Datenbasis läuft das System? Wird Amazon vergleichbare Werkzeuge externen Händlern oder Logistikkunden anbieten?
