PartnerschaftJapan

Hitachi und Agile Robots wollen gemeinsam ein KI-Gehirn für Fabrikroboter bauen und über HMAX Industry weltweit verkaufen

Veröffentlicht 4 Min. Lesezeit
Quelle
Hitachi und Agile Robots wollen gemeinsam ein KI-Gehirn für Fabrikroboter bauen und über HMAX Industry weltweit verkaufen (Illustration: MEKAWIRE)

Hitachi hat mit dem Münchner Robotikunternehmen Agile Robots eine Grundsatzvereinbarung über eine strategische Partnerschaft geschlossen. Beide Seiten wollen ihre KI-Modelle zu einem Robotergehirn für die Fertigung verschmelzen, es mit Hitachis Edge-KI-Chips kombinieren und die Lösungen über HMAX Industry weltweit vertreiben. Finanzielle Details und Termine nannten die Partner nicht.

Der japanische Technologiekonzern Hitachi und die Münchner Agile Robots SE wollen gemeinsam das "Gehirn" für KI-gestützte Industrieroboter entwickeln. Das teilten beide Unternehmen am 29. September 2026 mit. Hitachi will sein eigenes KI-Modell für Fabrikarbeit mit dem universell einsetzbaren Robotermodell von Agile Robots verschmelzen und die daraus entstehenden Physical-AI-Lösungen unter der Marke HMAX Industry weltweit anbieten.

Zu Kaufpreis, Beteiligungen, Umsatzzielen oder einem Starttermin machten die Partner keine Angaben. In der japanischen Fassung der Hitachi-Mitteilung ist von einer Grundsatzvereinbarung (kihon gōi) die Rede, also einer Stufe vor dem endgültigen Vertrag. Die englische Mitteilung und Agile Robots sprechen von einer strategischen Co-Creation-Partnerschaft.

Nach Darstellung von Hitachi lernt das eigene Modell das implizite Wissen erfahrener Facharbeiter in kurzer Zeit. Das Modell von Agile Robots habe sich in Produktionsprozessen der Autoindustrie, im Gesundheitswesen und in Rechenzentren bewährt. Gemeinsam sollen beide Modelle vielfältige, komplexe Tätigkeiten früher automatisieren, die bisher auf menschliche Erfahrung und Urteilskraft angewiesen sind.

Der zweite Baustein ist Hardware. Hitachi will seine Edge-KI-Halbleiter, die Seh- und Tastinformationen eines Roboters schnell und mit geringem Stromverbrauch verarbeiten, mit der Robotik von Agile Robots kombinieren. Agile Robots nennt auf seiner Website vier gemeinsame Arbeitsfelder: Physical AI für komplexe reale Aufgaben, die Integration der Hitachi-Chips in eigene Systeme, die Vermarktung über HMAX Industry und direkte Kundenkanäle sowie die Koordination mehrerer Roboter im Verbund.

Hitachi zielt auf Arbeitsschritte, die starre Automatisierung bislang nicht erfasst. Die Mitteilung nennt Teilehandling, Maschinenbeschickung, Bearbeitung und Montage, Produktwechsel und den Transport zwischen Prozessschritten. Kommissionierung und Rüstvorgänge hingen weiterhin stark an menschlicher Arbeit. Ziel sei eine Autonomie, bei der Maschinen selbst wahrnehmen, entscheiden und ihre Bewegungen steuern, als Antwort auf den Arbeitskräftemangel.

"Diese Co-Creation-Partnerschaft mit Agile Robots ist ein wichtiger Schritt, um das Physical-AI-Geschäft von Hitachi zu beschleunigen", sagte Yoshimitsu Takagi, Vice President und Executive Officer sowie CEO der Industrial Solutions Business Unit. Laut japanischer Mitteilung will Hitachi ganze Fabriken autonom machen und nicht nur einzelne Roboter intelligenter. Agile-Robots-Gründer und Vorstandschef Zhaopeng Chen sagte, Physical AI werde die Industrie nur verändern, wenn sie in der Fabrik zuverlässig und in großem Maßstab funktioniere.

Agile Robots wurde 2018 in München von Robotikforschern des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) gegründet. Laut Unternehmensprofil in der Hitachi-Mitteilung beschäftigt die Gruppe mehr als 3.500 Mitarbeiter aus fast 60 Ländern, hat weltweit über 20.000 Roboterlösungen installiert, mehr als 650 Patente angemeldet und verfügt über mehr als 20.000 Quadratmeter Forschungs- und Entwicklungsfläche. Zur Gruppe gehören BÄR Automation, Franka Robotics, idealworks und Krause Automation, das frühere Automatisierungsgeschäft von thyssenkrupp, dessen Übernahme am 1. April 2026 abgeschlossen wurde. Den Industrie-Humanoiden Agile ONE stellte das Unternehmen am 19. November 2025 vor und kündigte die Fertigung in Bayern ab Anfang 2026 an. Die letzte offengelegte Finanzierungsrunde war eine Serie C über 220 Millionen US-Dollar unter Führung des SoftBank Vision Fund 2 im September 2021, mit einer Bewertung von nach Firmenangaben über einer Milliarde Dollar.

Hitachi meldete für das Geschäftsjahr bis März 2026 einen Umsatz von 10,5867 Billionen Yen bei 606 konsolidierten Tochtergesellschaften und rund 290.000 Beschäftigten. HMAX Industry bündelt Daten aus Hitachis installierter Produktbasis mit Domänenwissen und KI. Am 3. September 2026 erweiterte Hitachi die HMAX-Familie um HMAX Data Center, HMAX Cyber, HMAX Data Fabric und HMAX AI Operations.

Einen Tag nach der Vereinbarung mit Agile Robots, am 30. September, kündigte Hitachi eine Partnerschaft mit FANUC an. Dort soll Hitachis Edge-KI-Chip auf FANUC-Robotern erprobt werden, Hitachis Werke in der Region Ibaraki dienen als "Customer Zero" für Kommissionierung und Produktwechsel, und ab dem Geschäftsjahr 2027 wollen beide Unternehmen gemeinsam an Kunden liefern. Agile Robots wiederum vereinbarte am 24. März 2026 mit Google DeepMind eine Forschungskooperation, um Gemini-Robotics-Modelle auf seinen Industrierobotern einzusetzen.

Agile Robots und europäische Wettbewerber: zuletzt offengelegte Finanzierungsrunden
  • Agile Robots
    Land
    DE
    Gründungsjahr
    2018
    Letzte offengelegte Runde
    Series C
    Betrag (USD)
    220.000.000
    Post-Money (USD)
    Keine Daten
    Datum
    2021-09-10
  • Neura Robotics
    Land
    DE
    Gründungsjahr
    2019
    Letzte offengelegte Runde
    Series C
    Betrag (USD)
    Keine Daten
    Post-Money (USD)
    Keine Daten
    Datum
    2026-06-10
  • RobCo
    Land
    DE
    Gründungsjahr
    Keine Daten
    Letzte offengelegte Runde
    Series C
    Betrag (USD)
    100.000.000
    Post-Money (USD)
    Keine Daten
    Datum
    2026-01-29
  • Sereact
    Land
    DE
    Gründungsjahr
    2021
    Letzte offengelegte Runde
    Series B
    Betrag (USD)
    110.000.000
    Post-Money (USD)
    Keine Daten
    Datum
    2026-04-27
  • Humanoid
    Land
    GB
    Gründungsjahr
    Keine Daten
    Letzte offengelegte Runde
    Series A
    Betrag (USD)
    152.000.000
    Post-Money (USD)
    1.350.000.000
    Datum
    2026-07-21

Angaben laut Primärquellen der Unternehmen; —, wo nicht offengelegt. Agile Robots nannte 2021 eine Bewertung über 1 Mrd. US-Dollar ohne genauen Wert. Keine Schätzungen.

Stand: 1. Okt. 2026

Für den deutschen Mittelstand ist die Vereinbarung ein Signal in zwei Richtungen. Mit Franka Robotics, BÄR Automation und Krause Automation stecken in Agile Robots Roboterhersteller und Systemintegratoren aus der deutschen Industrie, Krause Automation etwa mit mehr als 75 Jahren Engineering-Erfahrung. Über Hitachi könnte deren Technik in japanische und asiatische Werke gelangen. Zugleich holt sich ein japanischer Konzern damit Zugang zu einem Teil der europäischen Robotikbasis, während Konkurrenten wie NEURA Robotics, RobCo und Sereact 2026 eigene große Finanzierungen eingesammelt haben.

Offen bleibt, welche Produkte von Agile Robots zuerst unter HMAX Industry angeboten werden, ob Agile ONE dazugehört und wie die Erlöse geteilt werden. Der FANUC-Zeitplan mit Start im Geschäftsjahr 2027 ist der einzige Anhaltspunkt dafür, wann Hitachi nennenswerte Physical-AI-Umsätze erwartet.

MEKAWIRE-Analyse

Hitachi baut eine herstellerunabhängige Physical-AI-Schicht auf, mit HMAX Industry als Schaufenster und Roboterherstellern als austauschbaren Körpern.

Dafür spricht die Abfolge. Binnen vier Wochen erweiterte Hitachi am 3. September HMAX, unterzeichnete am 29. September mit Agile Robots und am 30. September mit FANUC. In beiden Roboterpartnerschaften ist der Edge-KI-Chip von Hitachi das verbindende Element. Agile Robots liefert, was FANUC nicht hat, nämlich einen Humanoiden, mobile Roboter, kraftsensitive Arme von Franka und Integrationskompetenz von BÄR und Krause.

Das stärkste Gegenargument lautet, dass es sich um eine Grundsatzvereinbarung ohne Geld, Termine oder Stückzahlen handelt. Agile Robots arbeitet bereits mit Google DeepMind und hat frühen Zugang zu NVIDIA Cosmos 3. Hitachi könnte damit einer von mehreren Vertriebskanälen bleiben, statt das Gehirn zu besitzen.

Bull-Case. Hitachis eigene Werke und installierte Basis liefern reale Produktionsdaten, die kein Start-up kaufen kann. Mit zwei Roboterpartnern deckt HMAX Industry Arme, mobile Roboter und Humanoide ab, und gelingt der FANUC-Start 2027, kann die Agile-Robots-Linie über denselben Kanal folgen.

Bear-Case. Zwei Partner mit unterschiedlichen Steuerungen und KI-Allianzen können die Integration verlangsamen. Ohne offengelegte Konditionen ist nicht gesichert, dass einer der Partner Hitachi Vorrang vor Google oder NVIDIA gibt.

Signale, die zu beobachten sind:

  • Ob die Grundsatzvereinbarung bis zum Ende von Hitachis Geschäftsjahr am 31. März 2027 in einen endgültigen Vertrag mündet.
  • Das erste HMAX-Industry-Angebot mit Agile-Robots-Hardware oder Agile ONE und ob es dem FANUC-Zeitplan für das Geschäftsjahr 2027 folgt.
  • Die nächste Finanzierungsrunde oder Eigentümeränderung bei Agile Robots, deren letzte offengelegte Runde aus dem September 2021 stammt.

Gute oder schlechte Nachricht für das Unternehmen?

 

Eckdaten
Bekanntgabe
29. September 2026
Form
Strategische Co-Creation-Partnerschaft, laut japanischer Mitteilung Grundsatzvereinbarung
Finanzielle Bedingungen
Nicht veröffentlicht
Technik
Verschmelzung der KI-Modelle beider Firmen, Hitachi-Edge-KI-Chips für Sehen und Tasten
Vertrieb
Hitachi HMAX Industry und direkte Kundenkanäle
Agile Robots
Gegründet 2018 in München, über 3.500 Beschäftigte, über 20.000 installierte Roboterlösungen
Tochterfirmen
BÄR Automation, Franka Robotics, idealworks, Krause Automation
Hitachi Umsatz GJ 2025
10,5867 Billionen Yen
Verwandte Vereinbarung
Hitachi und FANUC, 30. September 2026, Kundenstart ab GJ 2027
Quellen
MEKAWIRE Intelligence
  1. 01

    Warum das wichtig ist

    Hitachi ist zugleich Hersteller, Anbieter von Betriebstechnik (OT) und IT-Dienstleister. Mit Agile Robots versucht der Konzern, diese Stellung in ein Physical-AI-Geschäft zu übersetzen, in dem Hitachi Modell und Kundenbeziehung hält und Roboterhersteller die Hardware liefern. Zusammen mit der FANUC-Vereinbarung einen Tag später zeigt sich, dass HMAX Industry künftig Roboter tragen soll, nicht nur Software und Datendienste.

    Für Agile Robots bringt die Vereinbarung einen japanischen Vertriebsweg und einen Halbleiterpartner. Die letzte offengelegte Eigenkapitalrunde liegt fünf Jahre zurück, gewachsen ist die Gruppe seither vor allem über Zukäufe wie Franka Robotics und Krause Automation.

  2. 02

    Wettbewerbsanalyse

    FANUC, Hitachis zweiter neuer Partner, ist Marktführer bei Industriearmen und hat am 13. und 15. Mai 2026 Physical-AI-Kooperationen mit Google und NVIDIA verkündet. Agile Robots überschneidet sich mit FANUC nur teilweise, weil Franka-Arme, idealworks-Mobilroboter und Agile ONE andere Einsatzfelder abdecken.

    In Europa konkurriert Agile Robots um Kapital und Kunden mit NEURA Robotics (Serie C im Juni 2026), RobCo (100 Millionen Dollar im Januar 2026) und Sereact (110 Millionen Dollar im April 2026). Der Hitachi-Zugang unterscheidet Agile Robots eher beim Vertrieb als bei der Modellqualität.

  3. 03

    Bewertungskontext

    Agile Robots nannte nach der Serie C im September 2021 eine Bewertung von über einer Milliarde Dollar, ohne genauen Wert. Eine neuere Bewertung hat MEKAWIRE auf Primärquellen nicht gefunden. Zum Vergleich meldete der Londoner Humanoid-Entwickler Humanoid im Juli 2026 eine Post-Money-Bewertung von 1,35 Milliarden Dollar.

    Eine Beteiligung von Hitachi an Agile Robots wurde nicht mitgeteilt. Sollten beim Übergang zum endgültigen Vertrag eine Beteiligung oder Mindestabnahmen vereinbart werden, wäre das der erste Marktpreis für den Technologiestapel von Agile Robots.

  4. 04

    Folgen für die Lieferkette

    Die entscheidende Komponente ist Hitachis Edge-KI-Chip, der laut Hitachi Bild- und Tastdaten schnell und sparsam verarbeitet. Er wird parallel auf FANUC-Robotern erprobt und könnte in Fabrikrobotern eine Alternative zu GPU-Modulen werden.

    Agile Robots fertigt laut Firmenseite in Deutschland (München, Kaufbeuren), China (Peking, Shanghai, Shenzhen) und Indien (Bangalore, Chennai). Wo gemeinsam entwickelte Produkte gebaut werden, ist offen. Für deutsche Zulieferer stellt sich die Frage, ob die Fertigung in Bayern von Hitachi-Volumen profitiert.

  5. 05

    Worauf jetzt zu achten ist

    Erstens die Umwandlung der Grundsatzvereinbarung in einen Vertrag und die Offenlegung von Konditionen. Zweitens das erste HMAX-Industry-Angebot oder der erste Referenzkunde mit Agile-Robots-Hardware. Drittens, ob Hitachis Werke in Ibaraki, die als Customer Zero für FANUC dienen, auch Agile-Robots-Technik einsetzen.

    Zudem lohnt der Blick darauf, wie Agile Robots die Kooperation mit Google DeepMind und die Modellfusion mit Hitachi gegenüber Kunden positioniert.

  6. 06

    Analystensicht

    These: Hitachi baut mit zwei unterschiedlich starken Hardwarepartnern eine roboterneutrale Physical-AI-Schicht, die den Großteil der Fabrikaufgaben abdecken soll. Zuversicht mittel. Die Richtung ist durch die Ankündigungen im September klar, doch die Grundsatzvereinbarung enthält weder Geld noch Mengen noch Termine.

    Strategisch wiegt der Schritt schwerer als beim kurzfristigen Umsatz. Vor einem ersten bepreisten Angebot und einem benannten Kunden ist er kein Wachstumstreiber.

  7. 07

    Offene Fragen

    Beteiligt sich Hitachi an Agile Robots, und enthält die Vereinbarung Exklusivität für Japan oder einzelne Produktlinien?

    Wie teilen sich Hitachis Modell, das Modell von Agile Robots und Googles Gemini-Robotics-Modelle die Arbeit in einem Roboter?

    Gehört Agile ONE zu den ersten HMAX-Industry-Angeboten, und folgt der Zeitplan dem FANUC-Programm ab dem Geschäftsjahr 2027?