Londoner Start-up Humanoid lässt SAPs KI-Agenten seinen HMND-01-Roboter in einem laufenden Zulieferwerk steuern

Das britische Robotik-Start-up Humanoid hat am 30. März 2026 einen Machbarkeitsnachweis mit SAP und dem türkischen Sitzhersteller Martur Fompak abgeschlossen. Der radgetriebene HMND 01 Alpha erhielt im Januar und Februar in einer laufenden Produktion seine Aufträge von einem SAP-KI-Agenten.
Erstmals steuerte damit ein Unternehmenssystem einen Humanoid-Roboter von außen, verbunden über das im Februar vorgestellte KI-Framework KinetIQ.
Das Londoner Robotikunternehmen Humanoid hat die Auftragssteuerung seines Roboters an einen KI-Agenten von SAP abgegeben. Wie das 2024 von Artem Sokolov gegründete Unternehmen am 30. März 2026 mitteilte, absolvierte der radgetriebene HMND 01 Alpha im Januar und Februar gemeinsam mit SAP und dem türkischen Sitz- und Innenraumzulieferer Martur Fompak International einen Machbarkeitsnachweis in einer laufenden Automobilproduktion. Nach Angaben von Humanoid wurde einer seiner Roboter damit erstmals in der Serienfertigung von einem Unternehmenssystem extern gesteuert.
Die Aufgabe war klassische Intralogistik. Der Roboter erhielt Anweisungen vom SAP-Agenten, fuhr selbstständig zu Paletten, entnahm KLT-Behälter und stellte sie auf Rollwagen ab, in wiederholten Kommissionierzyklen. Er handhabte drei Behältertypen bei einer Traglastgrenze von 8 Kilogramm für beide Arme zusammen. Den Standort des Werks nannte Humanoid nicht, ebenso wenig Taktzeiten, Pickraten oder Fehlerquoten für diesen Versuch.
Die Brücke zwischen beiden Systemen bildet KinetIQ, das KI-Framework, das Humanoid am 5. Februar vorgestellt hatte. KinetIQ sei direkt an die Programmierschnittstellen von SAP angebunden worden, sodass der Roboter wie ein weiterer Agent im Planungssystem der Fabrik agierte, erklärte das Unternehmen. Lukasz Ostrowski, bei SAP verantwortlich für Embodied AI und Robotik, nannte den Ansatz Embodied Joule und sprach von einem grundlegenden Wandel darin, wie Roboter geschäftliche Anforderungen verstehen. Sokolov betonte, es gehe um Humanoide, die in echter Produktion und verbunden mit Unternehmenssystemen arbeiten.
KinetIQ besteht laut Humanoid aus vier Schichten mit unterschiedlichem Takt. System 3 ist ein Flottenagent im Sekundenbereich, der jeden Roboter als Werkzeug behandelt, Aufgaben auf rad- und beingetriebene Maschinen verteilt und mit der Leittechnik des Standorts kommuniziert. System 2 läuft auf dem einzelnen Roboter, interpretiert Szene und Anweisung mit einem omnimodalen Sprachmodell, zerlegt Ziele in Teilaufgaben, überwacht die Ausführung und ruft bei Bedarf menschliche Hilfe. System 1 ist ein Vision-Language-Action-Modell (VLA), das Zielposen mit 5 bis 10 Hertz vorhersagt und Bewegungsabschnitte mit 30 bis 50 Hertz ausführt. System 0 ist eine per Reinforcement Learning ausschließlich in der Simulation trainierte Ganzkörperregelung mit 50 Hertz, für die nach Firmenangaben rund 15.000 Stunden simulierter Erfahrung nötig waren.
- System 3
- Flottenagent: Aufgabenverteilung über Roboter, Anbindung an Werkssysteme
- Agentischer Flottenorchestrator
- Sekunden
- System 2
- Schlussfolgern und Aufgabenzerlegung je Roboter
- Omnimodales Sprachmodell
- Sekunden bis unter einer Minute
- System 1
- Ausführung (Greifen, Ablegen, Verpacken, Fortbewegung)
- Vision-Language-Action-Modell
- Vorhersage 5 bis 10 Hz, Bewegungsabschnitte 30 bis 50 Hz
- System 0
- Ganzkörperregelung und Balance
- Reinforcement Learning in der Simulation (rund 15.000 Stunden)
- 50 Hz
Nach Angaben von Humanoid vom 5. Februar 2026.
Stand: 30. März 2026
Der SAP-Versuch war bereits der dritte Industrieeinsatz binnen eines Quartals. Am 20. Januar meldete Humanoid einen Machbarkeitsnachweis im Ford-Innovationszentrum in Köln. Dort transportierte der HMND 01 Behälter mit 8 Kilogramm für die Kommissionierung und handhabte dünne Karosserieteile aus Blech mit beiden Armen. Der Roboter lief nach Unternehmensangaben eine Stunde ohne Unterbrechung, doppelt so lange wie gefordert, erreichte 97 Prozent Zuverlässigkeit beim autonomen Greifen und Ablegen und schaffte 83 Picks pro Stunde bei einem Ziel von 50, nach nur einer Stunde Datenerfassung am realen Roboter. Auf der NVIDIA-Konferenz GTC am 20. März zeigte Humanoid zwei radgetriebene Roboter, die auf Sprachbefehl Artikel holten und einander übergaben, entwickelt mit NVIDIA Isaac Sim, Isaac Lab, Jetson und dem VLA-Modell Isaac GR00T N1.7.
Auch die industrielle Basis wurde breiter. Schaeffler vereinbarte am 13. Januar eine strategische Technologiepartnerschaft. Der Konzern liefert Aktuatoren, darunter Wellgetriebe-Aktuatoren für Oberkörper, Schultern und Arme sowie Linear- und Rotationsaktuatoren für Gelenke, und will in den kommenden fünf Jahren mehrere hundert Humanoide in sein weltweites Produktionsnetz integrieren. Humanoid beschäftigt nach eigenen Angaben mehr als 200 Ingenieure und Forscher in London, Boston und Vancouver und will binnen zwei Jahren führender Anbieter universeller Industriehumanoide werden.
SAP setzt dabei nicht auf einen einzigen Hersteller. NVIDIA beschrieb eine Vorführung auf SAPs Sapphire-Konferenz in Orlando, bei der Joule-Agenten auf dem Humanoiden 4NE1 von NEURA Robotics liefen, etwa für Inventuren und das Auffüllen von Regalen. Damit konkurrieren NEURA und Humanoid um denselben Softwarekanal. Beim Kapital liegen die Wettbewerber teils weit vorn. Die Münchner RobCo sammelte am 29. Januar 100 Millionen Dollar in einer Serie C ein, Apptronik aus den USA schloss am 11. Februar eine Erweiterung seiner Serie A über 520 Millionen Dollar ab, und Figure wurde nach einer Serie C über 1 Milliarde Dollar im September 2025 mit 39 Milliarden Dollar bewertet.
- Humanoid
- GB
- 2024
- Keine Daten
- Keine Daten
- Keine Daten
- Keine Daten
- RobCo
- DE
- Keine Daten
- Serie C
- 100.000.000
- Keine Daten
- 2026-01-29
- Agile Robots
- DE
- 2018
- Serie C
- 220.000.000
- Keine Daten
- 2021-09-10
- ANYbotics
- CH
- 2016
- Zusatzfinanzierung
- 60.000.000
- Keine Daten
- 2024-12-12
- Exotec
- FR
- 2015
- Serie D
- 335.000.000
- 2.000.000.000
- 2022-01-17
- Apptronik
- US
- 2016
- Serie-A-Erweiterung
- 520.000.000
- Keine Daten
- 2026-02-11
- Figure AI
- US
- Keine Daten
- Serie C
- 1.000.000.000
- 39.000.000.000
- 2025-09-16
Von Unternehmen oder Investoren veröffentlichte Werte, Stand 30. März 2026, nicht geschätzt. — bedeutet in den geprüften Quellen nicht offengelegt.
Stand: 30. März 2026
Für den deutschen Mittelstand und die Zulieferindustrie ist der Ansatz von besonderem Interesse. Wo Werke ihren Materialfluss über SAP steuern, verschlingt die Integration in ERP- und MES-Landschaften bei Automatisierungsprojekten oft mehr Geld als die Hardware. Funktioniert die direkte Auftragsvergabe aus dem ERP an den Roboter im Serienbetrieb, verschiebt sich die Investitionsentscheidung vom Systemintegrator hin zur IT- und Logistikabteilung des Werks.
Offen bleibt die kommerzielle Seite. Ob Martur Fompak Roboter kauft oder mietet, wie viele und zu welchem Preis, sagte Humanoid nicht. Als nächste Schritte nannten die Partner weitere Validierung vor Ort, eine gemeinsame Auswertung, die Prüfung eines Einsatzes in Werken von Martur Fompak und komplexere Anwendungsfälle. Die Traglast von 8 Kilogramm ist für schwerere Teile der Automobillogistik knapp bemessen, Durchsatzzahlen für den SAP-Versuch fehlen.
MEKAWIRE-Analyse
Humanoids eigentliches Produkt in diesem Versuch war nicht der Roboter, sondern die Andockstelle an SAP, und diese Schnittstelle könnte für europäische Fabriken wichtiger sein als zwei Beine.
Die Mitteilung selbst stützt diese These. Als Erfolg hervorgehoben wurde keine neue Bewegungsfähigkeit, sondern die externe Steuerung durch ein Unternehmenssystem, und die oberste KinetIQ-Schicht ist von vornherein darauf ausgelegt, Aufträge und Standardarbeitsanweisungen aus der Werkssoftware zu empfangen. Für ein Werk, das seinen Materialfluss bereits über SAP abwickelt, entfällt mit einem Roboter, der Aufträge in derselben Sprache annimmt, ein Integrationsprojekt, das bislang einen großen Teil der Automatisierungskosten ausmacht.
Das stärkste Gegenargument lautet, dass sich eine solche Schnittstelle leicht kopieren lässt. SAP hat Joule bereits auf NEURAs 4NE1 gezeigt, und jeder gut finanzierte Wettbewerber kann eine ERP-Anbindung anbieten. Wird Integration zur Standardware, entscheiden wieder Hardwarekosten, Traglast und Verfügbarkeit, und dazu hat Humanoid wenig veröffentlicht.
Optimistisches Szenario. Die Trennung von Flottenagent und roboterseitiger VLA-Steuerung erlaubt es Humanoid, eine Softwareschicht für rad- und beingetriebene Maschinen zu verkaufen. Die Versuche bei Ford und mit SAP liefern Referenzen in der deutschen und türkischen Autozulieferkette, und Schaeffler als Lieferant und Abnehmer zugleich ebnet den Weg zu Serienkomponenten und einer ersten Flotte.
Pessimistisches Szenario. Drei Machbarkeitsnachweise in einem Quartal sind kein Auftrag. Die Versuche liefen mit leichten Lasten und kurzer Dauer, und ein zweiarmiger Roboter auf Rädern konkurriert mit günstigeren mobilen Manipulatoren und fest installierter Automatisierung, denen Werksleiter bereits vertrauen.
Signale, die wir beobachten.
- Ob Martur Fompak nach der angekündigten gemeinsamen Auswertung einen bezahlten Einsatz bekannt gibt.
- Die Hannover Messe im April 2026, auf der SAP, Schaeffler und deutsche Roboterhersteller konkurrierende Physical-AI-Integrationen zeigen dürften.
- Humanoids nächste Finanzierungsmeldung, die zeigt, ob Investoren das Unternehmen als Software- oder als Hardwarehaus bewerten.
- 30. März 2026
- SAP, Martur Fompak International
- Januar bis Februar 2026
- HMND 01 Alpha mit Radantrieb
- 8 kg für beide Arme, drei Behältertypen
- SAP-KI-Agent über KinetIQ-Schnittstelle, erste externe Steuerung durch ein Unternehmenssystem im Serienbetrieb
- 5. Februar 2026, vier Schichten (System 0 bis System 3)
- rund 15.000 Stunden Simulation, 50 Hz
- 83 Picks pro Stunde bei Ziel 50, 97 % Zuverlässigkeit
- 2024 von Artem Sokolov gegründet, über 200 Beschäftigte, Sitz London
Warum das wichtig ist
Der Versuch bei Martur Fompak ist klein, prüft aber die Annahme, an der sich entscheidet, ob Humanoide in der europäischen Autozulieferkette Absatz finden. Materialflüsse laufen dort über ERP und MES, und der teuerste Teil vieler Automatisierungsprojekte ist nicht der Roboter, sondern die Integration. Humanoid behauptet, die Flottenschicht von KinetIQ mache den Roboter zu einem nativen Teilnehmer der SAP-Planung, sodass ein Auftrag an die Maschine gehen kann wie bisher an den Staplerfahrer.
Gelingt das im Serienbetrieb, wandert die Kaufentscheidung vom Investitionsprojekt des Systemintegrators zur Softwarekonfiguration durch IT und Logistik des Werks. Das verkürzt Vertriebszyklen und schafft wiederkehrende Softwareerlöse. Deshalb stellten SAP und Humanoid das Ergebnis als Schnittstellenmeilenstein dar und nicht als Fortschritt in der Feinmotorik.
Wettbewerbsanalyse
Vor diesem Versuch war NEURA Robotics der sichtbarste Robotikpartner von SAP. NVIDIA zufolge lief Joule auf der SAP-Konferenz Sapphire auf NEURAs Humanoid 4NE1. Das 2019 gegründete NEURA deckt mit Cobots ein breiteres Hardwarespektrum ab, Humanoid konzentriert sich auf radgetriebene und zweibeinige HMND-01-Varianten mit gemeinsamer Software. Zweiter Humanoid-Anbieter im SAP-Umfeld zu sein, ist nützlich, aber nicht exklusiv.
Für deutsche Industriekunden kommen Agile Robots und RobCo als heimische Anbieter KI-gestützter Automatisierung hinzu. NVIDIAs GR00T-Modelle geben allen Wettbewerbern eine gemeinsame VLA-Basis, Humanoid nutzte GR00T N1.7 selbst auf der GTC. Differenzierung entsteht daher in System 2 und 3 und bei der Lerngeschwindigkeit vor Ort.
Bewertungskontext
Nach den von MEKAWIRE geprüften Unterlagen hatte Humanoid bis zum 30. März 2026 weder eine Finanzierungsrunde noch eine Bewertung veröffentlicht. Vergleichbare europäische Meldungen im Quartal umfassen die Serie C von RobCo über 100 Millionen Dollar am 29. Januar. In den USA schloss Apptronik am 11. Februar eine Erweiterung der Serie A über 520 Millionen Dollar ab, Figure wurde nach seiner Serie C über 1 Milliarde Dollar im September 2025 mit 39 Milliarden Dollar bewertet.
Humanoid-Programme verbrauchen viel Kapital für Hardwareiterationen. Drei Industrieversuche, Schaefflers Kaufabsicht für mehrere hundert Einheiten und die SAP-Anbindung bilden das Referenzpaket, das späte Investoren suchen. Der Preis wird jedoch von Belegen für bezahlte Flotten abhängen.
Folgen für die Lieferkette
Die Vereinbarung mit Schaeffler vom 13. Januar umfasst Wellgetriebe-Aktuatoren für Oberkörper, Schultern und Arme sowie Linear- und Rotationsaktuatoren für Gelenke, für rad- und beingetriebene Varianten. Damit sichert sich Humanoid eine europäische Quelle für die Bauteile, die einen großen Teil der Stückliste eines Humanoiden ausmachen, und Schaeffler einen Fuß im Aktuatormarkt für Humanoide.
Bei der Rechenleistung lief die GTC-Vorführung auf NVIDIA Jetson am Edge, simuliert wurde mit Isaac Sim und Isaac Lab, die Ganzkörperregelung entstand vollständig in der Simulation. Das senkt Entwicklungskosten, bindet Humanoid aber an denselben Lieferanten wie die meisten Konkurrenten.
Worauf jetzt zu achten ist
Erstens eine bezahlte Einsatzentscheidung bei Martur Fompak als Ergebnis der angekündigten Auswertung. Zweitens Durchsatz- und Verfügbarkeitszahlen zum SAP-Versuch, die in der Mitteilung vom 30. März fehlen. Drittens, ob SAP Embodied Joule zu einem regulären Produkt mit gelisteten Roboterpartnern und Preisen macht.
Auf der Hardwareseite lohnt der Blick auf das erste Schaeffler-Werk, das HMND-01-Einheiten im Rahmen des Fünfjahresplans erhält, und darauf, ob die zweibeinige Alpha-Variante von der Entwicklungsplattform in Industrieversuche wechselt.
Analystensicht
These: Humanoid setzt auf Unternehmensintegration und Flottensoftware statt auf Hardwareführerschaft, und der SAP-Versuch ist der bisher klarste Beleg, dass dieser Ansatz in einem laufenden Werk funktioniert. Zuversicht: mittel. Für die These spricht, dass beide Partner die Integration bestätigen und den Ablauf konkret beschreiben. Dagegen spricht, dass weder Durchsatz noch Verfügbarkeit oder Kosten veröffentlicht wurden, das Werk ungenannt bleibt und keine Kaufzusage vorliegt.
Die Kölner Werte von 83 Picks pro Stunde und 97 Prozent Zuverlässigkeit sind ermutigend, beziehen sich aber auf eine Stunde. Über die Zuverlässigkeit über eine ganze Schicht und den Wartungsaufwand, die über die Wirtschaftlichkeit entscheiden, sagen sie wenig.
Offene Fragen
Wird Martur Fompak kaufen, mieten oder pro Aufgabe zahlen, und in welcher Flottengröße? Wie hoch waren Pickrate und Eingriffsquote im SAP-Versuch? Erfolgt die Anbindung von System 3 an SAP über Einzelentwicklung oder über einen Standardkonnektor, den andere Werke freischalten können?
Wie viel von System 1 ist eigenes Modell von Humanoid und wie viel beruht auf NVIDIA GR00T? Und wann steigt die Traglast von 8 Kilogramm auf ein Niveau für schwerere Autoteile?