Schaeffler wird Lieferant und Kunde des Londoner Start-ups Humanoid und will binnen fünf Jahren mehrere hundert Roboter in eigenen Werken einsetzen
Schaeffler und das britische Start-up Humanoid haben am 13. Januar 2026 eine auf fünf Jahre angelegte Technologiepartnerschaft geschlossen, die einen Liefervertrag für Wellgetriebe-Aktuatoren mit einer Kaufvereinbarung für humanoide Roboter verbindet. Der Herzogenauracher Konzern will mehrere hundert Humanoide in sein globales Produktionsnetz integrieren. Humanoid legte binnen einer Woche Pilotergebnisse von Siemens in Erlangen und Ford in Köln vor.

Der Wälzlager- und Antriebsspezialist Schaeffler AG aus Herzogenaurach hat am 13. Januar 2026 vereinbart, das Londoner Start-up Humanoid mit Aktuatoren zu beliefern und zugleich dessen Roboter für die eigenen Werke zu kaufen. Nach Angaben beider Unternehmen sollen im Rahmen der fünfjährigen Partnerschaft mehrere hundert Humanoide in das weltweite Produktionsnetz von Schaeffler einziehen. Damit gehört der fränkische Konzern zu den ersten großen europäischen Industrieunternehmen, die bei ein und demselben Humanoid-Hersteller zugleich Zulieferer und Anwender sind.
Laut Schaeffler besteht die Allianz aus zwei Verträgen, einem Liefervertrag für Aktuatoren und einer Kaufvereinbarung über Humanoide für die eigenen Werke. Die Mitteilung von Humanoid nennt weitere Einzelheiten. Schaeffler wird bevorzugter Lieferant der Aktuatoren für die Plattform auf Rädern, beide Seiten entwickeln Gelenkkomponenten gemeinsam, sammeln Trainingsdaten per Teleoperation und synthetischer Datengenerierung und trainieren Fähigkeiten für Schaeffler-Prozesse. Der Einsatz erfolgt in Stufen, mit einer Beta-Validierung 2026 und 2027, einer anschließenden Gamma-Phase im Modell Robot as a Service und später der Option eines Kaufs. Finanzielle Details nannten beide Seiten nicht.
Im Zentrum steht der Wellgetriebe-Aktuator von Schaeffler. Das Unternehmen beschreibt ihn als spielfrei und reibungsarm, mit vollständig innenliegender Verkabelung von Aktuatoren und Gliedmaßen und auf Großserienfertigung ausgelegt. Eingesetzt wird er im HMND 01 Alpha Wheeled, den Humanoid mit 220 Zentimetern Höhe, 300 Kilogramm Gewicht, 29 Freiheitsgraden, 15 Kilogramm Nutzlast, 2 Metern pro Sekunde Höchstgeschwindigkeit der Basis und durchschnittlich vier Stunden Laufzeit angibt. Der Roboter trägt wahlweise eine Fünffingerhand mit 12 Freiheitsgraden oder einen einachsigen Parallelgreifer und läuft mit KinetIQ, einem vierschichtigen KI-Stack auf Nvidia-Rechentechnik.
In den folgenden Tagen zeigte Humanoid den Roboter in deutschen Werken. Am 15. Januar meldete das Unternehmen, ein zweiwöchiger Einsatz im Siemens-Elektronikwerk Erlangen, das Siemens als Kunde null führt, habe beim Entstapeln von Behältern auf ein Förderband alle Ziele erreicht. Genannt wurden 60 Behälterbewegungen pro Stunde, Erfolgsquoten beim Greifen und im autonomen Betrieb von jeweils über 90 Prozent, mehr als acht Stunden Verfügbarkeit pro Tag und ununterbrochene autonome Läufe von über 30 Minuten mit zwei Behältergrößen. Am 20. Januar folgten Ergebnisse aus dem Ford-Innovationszentrum in Köln, wo der Roboter 8-Kilogramm-Behälter für die Kommissionierung bewegte und dünne Karosserieblechteile beidhändig handhabte. Humanoid nannte 97 Prozent Zuverlässigkeit im vollautonomen Pick-and-Place, 83 Teile pro Stunde bei einem Ziel von 50 und einen einstündigen Dauerlauf, doppelt so lang wie vorgegeben, nach nur einer Stunde Datenerfassung am Roboter.
- Siemens-Elektronikwerk
- Erlangen
- Entstapeln von Behältern auf Förderband
- 60
- Keine Daten
- 90
- Ford-Innovationszentrum
- Köln
- Behälterkommissionierung und Blechteilhandling
- 83
- 50
- 97
- Martur Fompak mit SAP
- Nicht genannt
- KLT-Kommissionierung von Palette auf Wagen
- Keine Daten
- Keine Daten
- Keine Daten
Angaben von Humanoid vom 15. Januar, 20. Januar und 30. März 2026. Siemens-Erfolgsquote als über 90 Prozent veröffentlicht, hier als Untergrenze 90. Keine unabhängige Prüfung.
Stand: 1. Okt. 2026
Ein drittes Projekt, veröffentlicht am 30. März, brachte Unternehmenssoftware ins Spiel. Im Januar und Februar entnahm der Roboter im laufenden Betrieb des Automobilzulieferers Martur Fompak KLT-Behälter von Paletten und setzte sie auf Wagen ab, bei drei Behältertypen. Die Aufträge kamen aus SAP Business AI und SAP Extended Warehouse Management über die Agentenschicht SAP Joule. Laut Humanoid steuerte damit erstmals ein externes Unternehmenssystem den Roboter in der Produktion. Durchsatzzahlen wurden nicht genannt.
Humanoid wurde 2024 von Artem Sokolov gegründet und beschäftigte zum Zeitpunkt des Abschlusses nach eigenen Angaben mehr als 200 Ingenieure und Forscher in London, Boston und Vancouver. Schaeffler, gegründet 1946, meldete am 3. März 2026 für 2025 einen Umsatz von 23,5 Milliarden Euro, eine EBIT-Marge vor Sondereffekten von 4,0 Prozent und 110.753 Beschäftigte. Zugleich kündigte der Konzern an, bis 2035 bis zu zehn Prozent des Umsatzes mit neuen Feldern wie humanoider Robotik und Verteidigung erzielen zu wollen, und nannte Partnerschaften mit vier Humanoid-Herstellern, darunter Agility Robotics, Leju Robotics und Humanoid. Vorstandschef Klaus Rosenfeld sprach von einem attraktiven europäischen Partner.
Im Wettbewerb liegen die Amerikaner beim Kapital klar vorn. Figure AI sammelte im September 2025 in der Serie C eine Milliarde Dollar bei einer Bewertung von 39 Milliarden Dollar nach der Finanzierung ein, Apptronik schloss im Februar 2026 eine Erweiterung der Serie A über 520 Millionen Dollar. In Europa verkündete Generative Bionics aus Italien im Dezember 2025 eine Finanzierung über 70 Millionen Euro, der schwedische Hexagon-Konzern bringt seinen Humanoiden AEON in Autowerke. Humanoid setzt weniger auf Kapital als auf schnelle Industrietests mit bekannten deutschen Namen.
- Humanoid
- GB
- 2024
- Serie A
- 152
- 1,35
- 2026-07-21
- Figure AI
- US
- Keine Daten
- Serie C
- 1000
- 39
- 2025-09-16
- Apptronik
- US
- 2016
- Serie-A-Erweiterung
- 520
- Keine Daten
- 2026-02-11
- Sereact
- DE
- 2021
- Serie B
- 110
- Keine Daten
- 2026-04-27
- Generative Bionics
- IT
- Keine Daten
- Seed
- 81
- Keine Daten
- 2025-12-09
Von den Unternehmen veröffentlichte Beträge laut MEKAWIRE-Datensatz, null wenn nicht veröffentlicht. Generative Bionics nannte 70 Mio. Euro. Keine Schätzungen.
Stand: 1. Okt. 2026
Für die deutsche Industrie ist das Modell lehrreich. Ein klassischer Automobilzulieferer, dessen Kerngeschäft stagniert, nutzt seine Präzisionsfertigung, um in die Lieferkette eines neuen Produkts einzusteigen, und schafft die Nachfrage in eigenen Werken gleich mit. Für Mittelständler aus Antriebstechnik und Getriebebau, die ähnliche Kompetenzen besitzen, zeigt der Fall einen Weg, der über reine Komponentenlieferung hinausgeht, verlangt aber Kapital und Geduld, die nicht jedes Familienunternehmen aufbringt.
Technisch arbeitet ein Wellgetriebe mit einem flexiblen Zahnring, der sich in einem starren Außenzahnrad verformt. So entstehen hohe Untersetzungen in kompaktem, leichtem Gehäuse und nahezu ohne Spiel, weshalb solche Getriebe in präzisen Robotergelenken sitzen. Der HMND 01 auf Rädern umgeht Gleichgewicht und Sturzrisiko des zweibeinigen Gehens, eine pragmatische Wahl für ebene Hallenböden.
Offen bleibt vieles. Mehrere hundert Roboter in fünf Jahren sind für einen Konzern mit mehr als 110.000 Beschäftigten eine überschaubare Zahl, Stückpreis, Servicegebühr oder Mindestmengen blieben unveröffentlicht. Sämtliche Pilotwerte stammen von Humanoid und seinen Partnern und wurden über Stunden oder Wochen gemessen. Eine 300 Kilogramm schwere Maschine in der Nähe von Menschen muss zudem die europäischen Vorgaben zur Maschinensicherheit erfüllen.
Die folgenden Monate brachten einen Zeitplan. Am 22. April vereinbarte Schaeffler mit Hexagon Robotics die Integration von mindestens 1.000 AEON-Humanoiden binnen sieben Jahren. Am 13. Mai erweiterten Schaeffler und Humanoid ihre Vereinbarung auf eine vierstellige Zahl von Robotern auf Rädern bis 2032 und eine siebenstellige Zahl von Aktuatoren über fünf Jahre, was mehr als die Hälfte des Aktuatorbedarfs von Humanoid bis 2031 abdeckt. Erste Systeme sollen vor Ende 2026 in Herzogenaurach und Schweinfurt laufen. Am 21. Juli sammelte Humanoid 152 Millionen Dollar bei einer Bewertung von 1,35 Milliarden Dollar ein, Schaeffler und Bosch zählen zu den Investoren.
MEKAWIRE-Analyse
Die Doppelrolle als Lieferant und Kunde macht Schaefflers eigene Werke zum Prüfstand für das Aktuatorgeschäft, und dieser Kreislauf zählt für Humanoid mehr als jede einzelne Pilotkennzahl.
Die Belege liegen in der Abfolge. Schaeffler unterschrieb am 13. Januar, setzte am 3. März ein Umsatzziel von zehn Prozent für neue Felder einschließlich Humanoiden, weitete die Vereinbarung am 13. Mai auf vierstellige Stückzahlen aus und beteiligte sich im Juli an der Finanzierungsrunde. Mit jedem Schritt wuchs das Engagement, und die Mai-Konditionen binden mehr als die Hälfte des Aktuatorbedarfs von Humanoid bis 2031 an einen Lieferanten.
Das stärkste Gegenargument lautet, dass Schaeffler streut statt setzt. Der Konzern arbeitet mit vier Humanoid-Herstellern und hat Hexagon mindestens 1.000 AEON zugesagt. Erweist sich ein Konkurrent pro Schicht als günstiger, kann Humanoid Anteile verlieren.
Optimistisches Szenario. Bestätigt die Beta-Phase die Zuverlässigkeit aus Erlangen und Köln im echten Schichtbetrieb, gewinnt Humanoid einen Referenzkunden mit globalem Produktionsnetz und einen Lieferanten, dessen Volumen die Stückkosten senkt. RaaS-Erlöse von Schaeffler würden die Fertigung finanzieren, bevor externe Kunden skalieren.
Pessimistisches Szenario. Über Stunden gemessene Pilotwerte halten im Dreischichtbetrieb womöglich nicht, und RaaS-Preise könnten einem Unternehmen mit mehr als 250 Beschäftigten nur dünne Margen lassen. Findet Schaeffler größere Abnehmer für seine Aktuatoren, könnte seine Treue als Kunde nachlassen.
- Signal 1: Inbetriebnahme der ersten Humanoid-Systeme in Herzogenaurach vor dem 31. Dezember 2026, wie im Mai zugesagt.
- Signal 2: Ende der ersten Einsatzphase im Juni 2027 und etwaige Angaben zu Verfügbarkeit und Stückzahl pro Stunde.
- Signal 3: Schaefflers Geschäftsbericht 2026 im März 2027 und die Frage, ob erstmals Umsätze mit Humanoid-Aktuatoren beziffert werden.
- 13. Januar 2026
- Schaeffler AG (Deutschland) und Humanoid (Großbritannien)
- 5 Jahre
- Mehrere hundert Humanoide in Schaeffler-Werken
- Wellgetriebe-Aktuatoren, Vorzugslieferant für die Plattform auf Rädern
- Beta-Validierung 2026 bis 2027, danach RaaS, später Kaufoption
- 60 Behälterbewegungen pro Stunde, über 90 Prozent Erfolg
- 83 Teile pro Stunde bei Ziel 50, 97 Prozent Zuverlässigkeit
- 23,5 Mrd. Euro
- Nicht veröffentlicht
Warum das wichtig ist
Die meisten Humanoid-Verträge aus 2025 und Anfang 2026 waren Piloten mit einzelnen Geräten oder Absichtserklärungen. Die Schaeffler-Vereinbarung ist anders gebaut, weil sie einen großen Automobilzulieferer gleichzeitig in die Stückliste und in den Einsatzplan des Roboters einbindet. Humanoid gewinnt einen Lieferanten mit eigenem Interesse am Erfolg und einen Kunden, dessen Werke als Schaufenster für die Aktuatoren dienen.
Für Schaeffler ist es ein Weg, reife Kompetenz in Präzisionsgetrieben und Lagern in eine Wachstumsgeschichte zu verwandeln. Mit 23,5 Milliarden Euro Umsatz 2025 nach 24,3 Milliarden Euro pro forma im Vorjahr erklärt sich, warum der Vorstand bis 2035 bis zu zehn Prozent aus neuen Feldern anstrebt.
Wettbewerbsanalyse
Humanoid tritt gegen weit kapitalstärkere US-Firmen an. Figures Bewertung von 39 Milliarden Dollar und Apptroniks Erweiterung über 520 Millionen Dollar übertreffen die spätere Runde von Humanoid über 152 Millionen Dollar deutlich. Der Vorteil liegt im Tempo industrieller Validierung, drei Piloten mit deutschem oder automobilem Bezug in einem Quartal, und in einem Radkonzept, das die schwierigste Seite des zweibeinigen Gehens vermeidet.
Innerhalb der Schaeffler-Welt ist Hexagon Robotics der direkte Rivale, dessen AEON im April eine Zusage über mindestens 1.000 Einheiten in sieben Jahren erhielt. Schaefflers Portfolioansatz zwingt Humanoid, sich über Kosten und Verfügbarkeit zu behaupten.
Bewertungskontext
Für den Januar-Vertrag wurde kein Preis genannt. Humanoids spätere Serie A über 152 Millionen Dollar bei 1,35 Milliarden Dollar Bewertung und insgesamt 270 Millionen Dollar eingeworbenem Kapital ergibt rund das Fünffache des investierten Kapitals (1,35 / 0,27), weit unter Figure, aber plausibel für ein Unternehmen mit kommerziellen Verträgen und ohne veröffentlichten Umsatz.
Dass Schaeffler nach Lieferant und Kunde auch Investor wurde, dürfte Kapitalmarktanleger beschäftigen, sobald der Konzern Robotikzahlen getrennt ausweist.
Folgen für die Lieferkette
Der in der Hexagon-Mitteilung vom April beschriebene Schaeffler-Aktuator integriert Getriebe, Motor, Leistungselektronik und Encoder. Europäische Humanoid-Hersteller erhalten damit eine regionale Bezugsquelle, ein Argument in Zeiten, in denen Lieferketten politisch bewertet werden.
Die im Mai vereinbarte siebenstellige Aktuatormenge über fünf Jahre zeigt, welche Größenordnung Schaeffler erwartet. Für Humanoid sinkt das Beschaffungsrisiko, zugleich hängt mehr als die Hälfte des Aktuatorbedarfs bis 2031 an einem Lieferanten.
Worauf jetzt zu achten ist
Die erste Inbetriebnahme in Herzogenaurach vor Ende 2026 und das Ende der ersten Phase im Juni 2027 zeigen, ob die Pilotwerte in der Serienfertigung halten.
Ob Schaeffler im März 2027 Robotikumsätze gesondert ausweist und ob neben den vier Partnern weitere Kunden Schaeffler-Aktuatoren übernehmen, wird über die Lieferantenstrategie entscheiden.
Analystensicht
These: Der Kreislauf aus Lieferant und Kunde gibt Humanoid einen glaubwürdigeren Weg zum Volumen als den meisten europäischen Wettbewerbern, die Wirtschaftlichkeit ist aber unbewiesen. Zuversicht mittel, weil Vertragsbedingungen und Erweiterung in Primärquellen belegt sind, alle Leistungsdaten aber Eigenangaben sind und keine Preise vorliegen.
Wir würden auf hoch gehen, wenn Schaeffler 2027 Verfügbarkeit oder Kosten pro Aufgabe aus den Werken veröffentlicht, und senken, falls die Beta-Phase über 2027 hinaus verlängert wird.
Offene Fragen
Wie hoch ist die monatliche RaaS-Gebühr pro Roboter, und wer trägt das Ausfallrisiko? Wie viele der mehreren hundert, später vierstelligen Einheiten sind fest bestellt?
Nutzt Humanoids zweibeinige Variante dieselben Schaeffler-Aktuatoren, und wie verteilt Schaeffler Kapazitäten zwischen seinen vier Humanoid-Partnern?