Messtechnikkonzern Hexagon stellt Industriehumanoiden AEON vor, Schaeffler und Pilatus testen als Erste
Der schwedische Messtechnikkonzern Hexagon hat am 17. Juni 2025 auf seiner Konferenz Hexagon LIVE Global in Las Vegas den humanoiden Roboter AEON vorgestellt, der Bauteile prüfen, Maschinen bestücken, Teile handhaben und Umgebungen scannen soll. Schaeffler und Pilatus erproben den Roboter, der seine Akkus selbst wechselt; nach sechs Monaten Einsatz in der Produktion will Hexagon den Vertrieb ausweiten.
Hexagon, der in Stockholm ansässige Anbieter von Mess- und Scantechnik, hat am 17. Juni 2025 seinen ersten humanoiden Roboter vorgestellt. Die Robotiksparte des Konzerns präsentierte AEON auf der Hausmesse Hexagon LIVE Global, die vom 16. bis 19. Juni im Fontainebleau in Las Vegas stattfand. Anders als viele wagnisfinanzierte Start-ups setzt Hexagon weniger auf menschenähnliches Auftreten als auf präzise Sensorik in der Fabrikhalle.
Nach Angaben von Hexagon werden der deutsche Automobil- und Industriezulieferer Schaeffler und der Schweizer Flugzeugbauer Pilatus AEON beim Handhaben von Teilen, bei der Maschinenbeschickung, der Bauteilprüfung und der Realitätserfassung erproben. Arnaud Robert, Präsident der Robotiksparte, kündigte an, AEON in den kommenden sechs Monaten in Produktionsumgebungen einzusetzen und danach die kommerzielle Einführung auszuweiten. Preis, Stückzahlen und Umfang der Pilotprojekte nannte Hexagon nicht.
Die Kerntechnik stammt von drei Partnern. Laut Hexagon arbeitet AEON mit beschleunigter Rechentechnik, Omniverse und Jetson von NVIDIA; Microsoft Azure ermöglicht skalierbare Entwicklung und Training auf Abruf; der Schweizer Antriebsspezialist maxon liefert die Aktuatoren der neuen Generation für die Fortbewegung. NVIDIA erklärte am selben Tag in einem Blogbeitrag, AEON nutze Jetson-Orin-Bordrechner für Navigation und Arbeit in Echtzeit, und Hexagon plane den Wechsel auf NVIDIA IGX Thor, um die funktionale Sicherheit für kollaborativen Betrieb zu ermöglichen.
- Größe
- 165
- cm
- Gewicht
- 60
- kg
- Freiheitsgrade
- 34
- Anzahl
- Höchstgeschwindigkeit
- 2,4
- m/s
- Traglast kurzzeitig
- 15
- kg
- Traglast dauerhaft
- 8
- kg
- Laufzeit je Akkuladung, bis zu
- 4
- Stunden
- Geplante Produktionseinsatzphase
- 6
- Monate
Physische und Akkuwerte laut Hexagons AEON-Produktseite; die Pressemitteilung vom 17. Juni 2025 enthielt kein Datenblatt. Einsatzphase laut Pressemitteilung.
Stand: 17. Juni 2025
Auf der Produktseite nennt Hexagon für AEON eine Größe von 165 Zentimetern, ein Gewicht von 60 Kilogramm, 34 Freiheitsgrade und eine Höchstgeschwindigkeit von 2,4 Metern pro Sekunde. Kurzzeitig trägt der Roboter 15 Kilogramm, dauerhaft 8 Kilogramm, eine Akkuladung reicht für bis zu vier Stunden. In der Pressemitteilung hob Hexagon einen Mechanismus zum Akkuwechsel hervor, mit dem AEON ohne Ladepause weiterarbeiten kann. Damit zielt das Unternehmen auf einen der häufigsten Einwände von Werksleitern gegen Humanoide im Mehrschichtbetrieb.
Hexagon positioniert AEON als mobiles Messgerät. Der Roboter verknüpfe Daten mehrerer Sensoren mit räumlicher Intelligenz, um seine Umgebung zu verstehen und Aufgaben zu optimieren, teilte das Unternehmen mit. Die erfassten Scans fließen in Hexagons Reality Cloud Studio, das laut NVIDIA über Hexagons Plattform HxDR und das in der Cloud laufende Omniverse geteilt und visualisiert wird. Verwaltungsratschef Ola Rollén sagte, Hexagon arbeite seit zehn Jahren spartenübergreifend an Robotik.
Die Entwicklung hat vor allem die Simulation beschleunigt. Nach Angaben von NVIDIA trainierte Hexagon AEON mit Isaac Sim und dem quelloffenen Lernframework Isaac Lab und brauchte so für die grundlegenden Laufbewegungen zwei bis drei Wochen statt fünf bis sechs Monate. Zudem erzeugt Hexagon mit Isaac GR00T-Mimic aus wenigen menschlichen Vorführungen große Mengen synthetischer Bewegungsdaten und prüft ein Nachtraining des offenen Basismodells GR00T N1.5.
Hexagon bringt eine Größe mit, die kaum ein Humanoid-Start-up erreicht. Laut Pressemitteilung beschäftigt der Konzern rund 24.800 Menschen in 50 Ländern und erzielt etwa 5,4 Milliarden Euro Nettoumsatz. Auch die Pilotpartner sind gewichtige Industriekunden: Schaeffler zählt rund 120.000 Beschäftigte an mehr als 250 Standorten in 55 Ländern, das 1939 gegründete Pilatus mehr als 3.000 Mitarbeitende.
- Hexagon (AEON)
- SE
- Keine Daten
- Börsennotierter Konzern, interne Finanzierung
- Keine Daten
- Keine Daten
- Figure AI
- US
- Keine Daten
- Serie B
- 675.000.000
- 2024-02-29
- Apptronik
- US
- 2016
- Serie A inkl. Nachschlag
- 403.000.000
- 2025-03-18
- Agility Robotics
- US
- 2015
- Serie B
- 150.000.000
- 2022-04-22
- 1X Technologies
- US
- 2014
- Serie B
- 100.000.000
- 2024-01-13
- Neura Robotics
- DE
- 2019
- Serie B
- Keine Daten
- 2025-01-15
Von den Unternehmen veröffentlichte Werte, keine Schätzungen. Apptronik = Serie A 350.000.000 (13.02.2025) + Nachschlag 53.000.000 (18.03.2025). Der Betrag der Neura-Serie-B ist in US-Dollar nicht verifiziert und daher leer. Hexagon weist Robotikinvestitionen nicht gesondert aus.
Stand: 17. Juni 2025
Im Wettbewerb dominieren US-Start-ups mit hohen Finanzierungsrunden. Figure sammelte im Februar 2024 in einer Serie B 675 Millionen Dollar ein und stellte im Februar 2025 sein eigenes Vision-Language-Action-Modell Helix vor, Apptronik erhielt im Februar 2025 eine Serie A über 350 Millionen Dollar unter Beteiligung von Google. In Deutschland schloss Neura Robotics im Januar 2025 eine Serie-B-Runde ab, und ABB kündigte im April 2025 an, sein 2,3 Milliarden Dollar schweres Robotikgeschäft 2026 separat an die Börse zu bringen.
Für Europas Industrie ist die Konstellation bemerkenswert. Ein europäischer Messtechnikkonzern, ein Schweizer Antriebshersteller und ein deutscher Zulieferer als Pilotkunde bilden eine Wertschöpfungskette, die nicht von Venture-Capital-Runden abhängt. Für den Mittelstand, der Qualitätsprüfung und Vermessung oft bereits mit Hexagon-Geräten erledigt, könnte AEON ein vertrauter Einstieg in humanoide Automatisierung werden.
Die Risiken sind bekannt. Hexagon hat weder Zuverlässigkeitsdaten noch Stückkosten oder einen Zielpreis veröffentlicht, und ein halbjähriger Test bei zwei Kunden ist eine kleine Stichprobe. Normen für Humanoide, die neben Menschen arbeiten, sind noch nicht festgelegt, deshalb ist der geplante Wechsel auf IGX Thor wichtig. Da Rechentechnik und Modelle von NVIDIA und Aktuatoren von maxon kommen, muss Hexagons eigener Beitrag aus Sensorik, Software und Integration entstehen.
Die nächsten Prüfsteine sind klar. Das selbst gesetzte Sechsmonatsfenster weist auf Ergebnisse um Dezember 2025 hin. Entscheidend wird, ob Schaeffler oder Pilatus von Pilotprojekten zu bezahlten Flotten übergehen und wann das Sicherheitsupgrade kommt.
MEKAWIRE-Analyse
Hexagon verkauft AEON als laufende Sensorplattform an seine bestehenden Messtechnikkunden, und dieser Vertriebsvorteil wiegt schwerer als jedes einzelne Hardwaremerkmal.
Dafür sprechen die Einsatzfelder. Zwei der vier genannten Aufgaben, Bauteilprüfung und Realitätserfassung, erledigen heute schon Hexagons Scanner und Messsoftware, und die Daten landen in Hexagons eigenem Reality Cloud Studio. Beide Pilotpartner stammen aus Automobilzulieferung und Luftfahrt, Branchen, in denen Hexagon seit Jahrzehnten Messtechnik verkauft.
Das stärkste Gegenargument lautet, dass Hexagon eher montiert als erfindet. Rechenleistung, Simulation und Basismodelle kommen von NVIDIA, Cloud-Training von Microsoft, Aktuatoren von maxon. Stehen diese Bausteine allen Wettbewerbern offen, schrumpft die Differenzierung auf Integration und Vertrieb, und finanzstarke Start-ups können sich in dieselben Werke einkaufen.
Optimistisches Szenario: Die Piloten bei Schaeffler und Pilatus münden binnen eines Jahres in Aufträge für mehrere Standorte, AEON wird zur Ergänzung von Hexagons Messtechnikverträgen, und der Akkuwechsel macht ihn zu einem der wenigen schichtfähigen Humanoiden.
Pessimistisches Szenario: Die Piloten stocken an Zuverlässigkeit oder Sicherheitszulassung, Hexagon bleibt auf einem teuren Vorführmodell sitzen, und besser finanzierte Spezialisten erreichen zuerst die Serie. Aktionäre könnten dann Ausgaben ohne ausgewiesenen Umsatz infrage stellen.
Signale, auf die es ankommt:
- Dezember 2025: Ende der angekündigten sechsmonatigen Produktionseinsätze und mögliche Ergebnisse von Schaeffler oder Pilatus.
- Hexagon LIVE Global 2026: Ankündigung zahlender Kunden, Preise oder Flottengrößen.
- IGX-Thor-Upgrade: Ein Termin für die Zertifizierung der funktionalen Sicherheit wäre ein Signal für kollaborativen Einsatz neben Menschen.
- 17. Juni 2025, Hexagon LIVE Global, Las Vegas
- Industriehumanoid AEON
- Robotiksparte von Hexagon
- Schaeffler, Pilatus
- Handhabung, Maschinenbeschickung, Bauteilprüfung, Realitätserfassung
- NVIDIA (Rechentechnik, Omniverse, Jetson), Microsoft Azure (Training), maxon (Aktuatoren)
- 165 cm, 60 kg, 34 Freiheitsgrade, 2,4 m/s
- Akkuwechsel, bis zu 4 Stunden je Ladung
- Grundlegende Fortbewegung in 2 bis 3 Wochen statt 5 bis 6 Monaten (NVIDIA)
- Sechs Monate Produktionseinsatz, danach breitere Vermarktung
Warum das wichtig ist
AEON ist der erste Humanoid eines großen börsennotierten Industrietechnikkonzerns, dessen Kerngeschäft die Messtechnik ist und nicht die Robotik. Das verändert die Verkaufslogik. Die meisten Humanoid-Entwickler müssen Werksleiter überzeugen, eine neue Geräteklasse bei einem jungen Lieferanten zu kaufen. Hexagon kann AEON an bestehende Beziehungen aus Koordinatenmessgeräten, Laserscannern und Qualitätssoftware anknüpfen, und die ersten Anwendungen Prüfung und Realitätserfassung zielen genau auf diese installierte Basis.
Zugleich zeigt der Start, wie stark die NVIDIA-Werkzeuge die Entwicklung verkürzt haben. Wenn Laufbewegungen in zwei bis drei Wochen statt fünf bis sechs Monaten trainiert werden, sinkt die Einstiegshürde auch für andere diversifizierte Industriekonzerne in Europa, die bislang keine eigene Robotikforschung unterhalten.
Wettbewerbsanalyse
Figure, Apptronik, Agility Robotics und 1X Technologies sind wagnisfinanziert und haben allein für ihre Roboter weit größere Summen eingesammelt: Figure 675 Millionen Dollar in der Serie B, Apptronik mit Nachschlag im März 2025 insgesamt 403 Millionen Dollar in der Serie A. Sie kontrollieren mehr vom eigenen Technologiestapel, etwa Figure mit dem Modell Helix. Hexagon kauft Rechentechnik, Modelle und Aktuatoren zu und konzentriert sich auf Sensorik und Integration.
In Europa sammelte Neura Robotics im Januar 2025 eine Serie B ein, Agile Robots hatte 2021 eine Serie C über 220 Millionen Dollar abgeschlossen. Dass Schaeffler bei Hexagon als Pilotkunde und nicht als Lieferant auftritt, ist bemerkenswert: Hexagon erhält damit eine Referenz bei einem der größten Zulieferer des Kontinents, Pilatus liefert eine Referenz in der Luftfahrt, wo präzise Montage in kleinen Serien gefragt ist.
Bewertungskontext
Hexagon weist AEON und die Robotiksparte nicht gesondert aus, die Pressemitteilung nannte weder Umsatz noch Investitionen oder Personal der Einheit. Die einzigen Größenangaben betreffen den Konzern: rund 24.800 Beschäftigte und etwa 5,4 Milliarden Euro Nettoumsatz. Gemessen daran ist AEON eine kleine Option und kein kurzfristiger Ergebnistreiber.
Private Wettbewerber werden nach Erwartungen bewertet. Hexagon-Aktionäre erhalten ein Engagement im Humanoid-Thema mit deutlich geringerem Bewertungsrisiko, aber auch mit wenig Transparenz über die Ausgaben des Konzerns.
Folgen für die Lieferkette
Drei externe Lieferanten sind benannt. NVIDIA liefert heute Jetson-Orin-Bordrechner, geplant ist IGX Thor für die funktionale Sicherheit, dazu Omniverse, Isaac Sim, Isaac Lab, GR00T-Mimic und möglicherweise GR00T N1.5. Microsoft stellt mit Azure Entwicklungs- und Trainingskapazität bereit. maxon aus der Schweiz liefert die Aktuatoren für die Fortbewegung.
Die Wahl von maxon ist ein europäisches Beschaffungssignal, das Kunden mit Anforderungen an Rückverfolgbarkeit entgegenkommen dürfte. Offen bleibt, wer Hände, Getriebe und Akkupacks liefert. Für deutsche Antriebs- und Getriebehersteller ist das eine Lücke, die sich in der Serienphase öffnen könnte.
Worauf jetzt zu achten ist
Erstes Signal ist das Ende des Sechsmonatsfensters um Dezember 2025. Angaben zu Verfügbarkeit, ausgeführten Aufgaben und weiteren Standorten werden zeigen, ob die Piloten funktioniert haben. Zweitens: Ob Schaeffler oder Pilatus eigene Ergebnisse oder Bestellungen veröffentlichen.
Drittens der Weg zur funktionalen Sicherheit. Der angekündigte Wechsel auf IGX Thor bindet das kommerzielle Potenzial an die Zulassung für kollaborative Arbeit. Viertens, ob Hexagon Robotikumsätze oder Investitionen in den Quartalsberichten gesondert ausweist.
Analystensicht
These: AEON ist eher ein Vertriebshebel als ein technologischer Durchbruch; der Erfolg hängt davon ab, Hexagons Messtechnikkunden zu Humanoid-Käufern zu machen. Zuversicht: mittel.
Begründung: Die Pilotpartner sind real und gut gewählt, die Werkzeugkette ist ausgereift, und der Akkuwechsel passt zum Schichtbetrieb. Es fehlen jedoch Preis, Stückzahlen und Zuverlässigkeitsdaten, beide Piloten stehen am Anfang. Die Abhängigkeit von zugekaufter Rechentechnik und Aktuatoren erleichtert es Wettbewerbern, bei der Hardware gleichzuziehen. Nennt Hexagon nach sechs Monaten zahlende Kunden oder Flottengrößen, steigt die Zuversicht.
Offene Fragen
Was kostet AEON in Kauf oder Miete, und bündelt Hexagon den Roboter mit Messsoftwareverträgen?
Wie viele Einheiten laufen bei Schaeffler und Pilatus, und welche der vier Aufgaben übernimmt jeder Partner?
Wann kommen das IGX-Thor-Upgrade und die Zertifizierung der funktionalen Sicherheit, und nach welchen Normen?
Wer liefert Hände, Getriebe und Akkupacks, und wo wird AEON in Serie gefertigt?
