Hugging Face übernimmt den Bordelaiser Humanoiden-Hersteller Pollen Robotics und verkauft den quelloffenen Reachy 2 für 70.000 Dollar
Hugging Face hat am 14. April 2025 die Übernahme von Pollen Robotics bekanntgegeben, dem französischen Hersteller der Reachy-Humanoiden, und damit seine fünfte Akquisition. Der Reachy 2 wird für 70.000 US-Dollar zum ersten Roboter, den das Unternehmen verkauft. Kaufpreis und Konditionen wurden nicht genannt.

Hugging Face hat am 14. April 2025 mitgeteilt, das in Bordeaux ansässige Robotikunternehmen Pollen Robotics übernommen zu haben. Pollens Reachy 2 soll der erste Roboter sein, den Hugging Face selbst verkauft. Die Mitteilung im Firmenblog, unterzeichnet von Thomas Wolf und Clem Delangue gemeinsam mit Pollen-Mitgründer Matthieu Lapeyre und dem Pollen-Team, nennt weder einen Kaufpreis noch andere finanzielle Bedingungen.
Hugging Face bezeichnet die Transaktion als seine fünfte Übernahme nach Gradio und XetHub. Der Reachy 2 kostet laut Mitteilung 70.000 US-Dollar und kann bereits über das Vertriebsteam von Pollen bestellt werden. Zum Kaufpreis, zur Zahlungsform und zur Zahl der übernommenen Beschäftigten äußerten sich beide Seiten nicht. Auf der Unternehmensseite von Pollen ist als letzte offengelegte Finanzierung eine Seed-Vereinbarung über 2,4 Millionen Euro vom April 2023 aufgeführt; die Website bezeichnet Pollen inzwischen als Teil von Hugging Face.
Der angebotene Roboter ist eine Forschungsplattform und kein Fabrikarbeiter. Hugging Face beschreibt den Reachy 2 als Laborpartner für das KI-Zeitalter, der bereits an der Cornell University und der Carnegie Mellon University im Einsatz sei. Nach Angaben der Pollen-Produktseite haben beide Arme je sieben Freiheitsgrade und heben bis zu 3 Kilogramm. Pollens eigenes Gelenksystem Orbita erlaubt Drehungen in mehrere Richtungen zugleich. Der Roboter steht auf einer mobilen Basis mit drei Omni-Rädern und einem LiDAR-Sensor, läuft unter ROS 2 Humble und lässt sich per Python-SDK programmieren oder mit einer VR-Brille fernsteuern. Die Software ist nach Pollens Angaben vollständig quelloffen.
Hugging Face verbindet den Kauf mit einem Bekenntnis zur offenen Robotik. Wolf schreibt, Robotik könne die nächste von KI erschlossene Grenze sein und solle offen, bezahlbar und privat sein, damit Bastler wie Unternehmen Roboterassistenten auf Basis offener Lösungen statt geschlossener, ferngesteuerter Hardware bauen können. Lapeyre erklärt, Pollen sei von Beginn an mit Open Source im Kern aufgebaut worden, und nennt Hugging Face eine natürliche Heimat. Die Mitteilung stellt die Übernahme an das Ende eines Jahres Arbeit an LeRobot, der quelloffenen Robotikbibliothek von Hugging Face, nennt aber keinen Zeitplan für neue Roboter oder konkrete Integrationsschritte.
Die LeRobot-Chronik erklärt den Zeitpunkt. Das Robotikteam von Hugging Face stellte die Bibliothek im Mai 2024 vor; zum Zeitpunkt der Übernahme zählte sie laut Mitteilung mehr als 12.000 Sterne auf GitHub und über 100 Repositorien auf dem Hugging Face Hub. Im Oktober 2024 brachten LeRobot und The Robot Studio den Roboterarm SO-100 für rund 100 US-Dollar heraus. Im November 2024 kündigte NVIDIA eine Zusammenarbeit an, um Datenerfassung, Training und Verifikation in LeRobot zu beschleunigen, und im März 2025 veröffentlichte NVIDIA sein Humanoiden-Grundmodell GR00T N1 auf Hugging Face. Einen eigenen Roboter zum Verkauf hatte Hugging Face bis dahin nicht.
Pollen wurde 2016 von Lapeyre und Pierre Rouanet gegründet, früheren Forschern des Flowers-Teams für Entwicklungsrobotik am französischen Forschungsinstitut Inria. Der erste Reachy wurde auf der CES 2020 vorgestellt, 2021 kam die VR-Fernsteuerung hinzu. 2022 belegte Pollen beim ANA Avatar XPRIZE den zweiten Platz, nach eigenen Angaben mit 2 Millionen US-Dollar dotiert. Hugging Face spricht von Hunderten Einheiten in mehr als 20 Ländern, Pollens Unternehmensseite von rund 100 Reachy-Robotern in etwa 20 Ländern. Zu den Anwendern zählt Hugging Face Accenture, die französischen Forschungseinrichtungen CEA und CNRS sowie Cornell und Carnegie Mellon.
Im europäischen Vergleich ist Pollen klein. Der französische Exoskelett-Hersteller Wandercraft meldete im Juni 2025 eine Serie-D-Finanzierung über 75 Millionen US-Dollar. Das Londoner Unternehmen Humanoid sammelte im Juli 2026 152 Millionen US-Dollar bei einer Post-Money-Bewertung von 1,35 Milliarden US-Dollar ein, Generative Bionics aus Italien meldete im Dezember 2025 eine Seed-Runde über 81 Millionen US-Dollar. NEURA Robotics verkündete im Juni 2026 eine Serie C. In den USA hat Figure AI im Februar 2024 eine Serie B über 675 Millionen US-Dollar abgeschlossen und hält seine Software geschlossen, also genau das Modell, gegen das sich Wolfs Text richtet.
- Pollen Robotics
- FR
- 2016
- Seed (vor Übernahme)
- 2023-04
- 2,4
- EUR
- Keine Daten
- Wandercraft
- FR
- 2012
- Serie D
- 2025-06-11
- 75
- USD
- Keine Daten
- Humanoid
- GB
- Keine Daten
- Serie A
- 2026-07-21
- 152
- USD
- 1350
- Generative Bionics
- IT
- Keine Daten
- Seed
- 2025-12-09
- 81
- USD
- Keine Daten
- NEURA Robotics
- DE
- 2019
- Serie C
- 2026-06-10
- Keine Daten
- Keine Daten
- Keine Daten
- 1X Technologies
- US
- 2014
- Serie B
- 2024-01-13
- 100
- USD
- Keine Daten
Pollen-Angabe von der eigenen Unternehmensseite; der Kaufpreis von Hugging Face im April 2025 wurde nicht veröffentlicht und fehlt daher. Wettbewerberzahlen aus Unternehmensmitteilungen in der geprüften MEKAWIRE-Datenbank; Wandercraft beschreibt die Serie D als Runde, die insgesamt 75 Mio. US-Dollar einbringt, NEURAs Serie-C-Betrag ist hier nicht geprüft und bleibt leer. Runden nach April 2025 mit Stand 1. Oktober 2026. Offengelegte Zahlen, keine Schätzungen.
Stand: 1. Okt. 2026
Technisch geht es um Daten. Bei der Teleoperation führt ein Mensch mit VR-Brille die Arme des Roboters, und jede Sitzung erzeugt eine aufgezeichnete Vorführung einer Aufgabe. Solche Vorführungen sind das Rohmaterial für Imitationslernen, bei dem ein neuronales Netz die Bewegungen des Bedieners nachahmt. LeRobot ist darauf ausgelegt, solche Datensätze und trainierte Modelle auf dem Hugging Face Hub zu teilen. Ein offener, VR-fähiger Roboter, der bereits in Laboren steht, liefert dafür eine Referenzmaschine.
Für Europas Industrie hat der Fall eine eigene Note. Eine Plattform für KI-Modelle kauft ein Bordelaiser Hardware-Team, während deutsche Industriekonzerne wie Schaeffler und Bosch sich im Juli 2026 an der Londoner Humanoid beteiligten und damit eher über Kapital und Komponenten in das Feld gehen. Für Mittelständler, die Roboter für Montage oder Logistik erproben, entsteht mit offener Hardware und offenen Modellen eine Alternative zu geschlossenen Komplettsystemen, zunächst allerdings nur im Labormaßstab.
Offen bleiben mehrere Punkte. Hugging Face nannte weder Absatzziele noch Pläne zur Preisgestaltung, und zwischen dem 70.000-Dollar-Reachy und dem rund 100 Dollar teuren SO-100 liegt eine große Lücke. Die Einsatzzahlen beider Unternehmen weichen voneinander ab, und zur Bindung des Teams in Bordeaux gab es keine Angaben. Ohne Kaufpreis lässt sich die Transaktion nicht mit der Seed-Runde von 2023 vergleichen.
Spätere Veröffentlichungen ergänzen das Bild. Am 9. Juli 2025 stellten Hugging Face und Pollen den kleinen quelloffenen Tischroboter Reachy Mini vor; der Blogbeitrag nennt inzwischen 399 US-Dollar für die Lite-Version und 499 US-Dollar für die kabellose Variante, Hardware, Software und Simulation sind offen. Pollens Website führt heute Reachy Mini, Reachy 2 und den Kleinroboter Microduck.
MEKAWIRE-Analyse
Hugging Face hat ein kleines Open-Hardware-Team gekauft, um LeRobot einen eigenen Referenzroboter zu geben, und der Erfolg bemisst sich an der Menge geteilter Trainingsdaten aus Reachy-Maschinen, nicht an Stückzahlen.
Die Belege liefert die Mitteilung selbst. Hugging Face nannte weder Kaufpreis noch Absatzziel, veröffentlichte aber eine detaillierte LeRobot-Chronik, einen Listenpreis und ein Manifest für offene, bezahlbare und private Roboter. Wer auf Hardware-Umsatz zielt, stellt keinen Forschungsroboter in den Vordergrund, dessen genannte Kunden Hochschul- und Konzernlabore sind. Wer ein Daten- und Modell-Ökosystem aufbaut, braucht genau diese installierte Basis.
Das stärkste Gegenargument lautet, dass Hardware ein Softwaregeschäft verwässert. Roboter brauchen Montage, Logistik und Service, und ein Gerät für 70.000 Dollar konkurriert um dieselben Laborbudgets wie günstigere chinesische Plattformen, etwa von Unitree. Hugging Face hätte Fremdroboter in LeRobot unterstützen können, ohne diese Kosten zu tragen.
Bull-Szenario. Reachy wird zum Standard für offene Forschungshumanoiden, auf Reachy aufgezeichnete Datensätze füllen den Hub, und Reachy Mini führt Bastler an LeRobot-Modelle heran. Hugging Face wird zur neutralen Heimat für Roboterdaten, so wie es zur Heimat offener Modellgewichte wurde.
Bear-Szenario. Der Hardware-Support bindet Managementkapazität, Reachy 2 bleibt ein Nischenprodukt, und chinesische Hersteller liefern günstigere Plattformen, die LeRobot ohnehin unterstützt. Dann war die Übernahme ein teurer Weg, eine Marke und ein Team in Bordeaux zu kaufen.
Signale, auf die es ankommt.
- Bis 31. Dezember 2026: ob Hugging Face oder Pollen neue Reachy-2-Kunden über die Liste vom April 2025 hinaus nennen.
- Januar 2027: ob Pollen auf der CES 2027, wo Reachy 2020 debütierte, neue Hardware zeigt.
- Erstes Halbjahr 2027: ob die nächste LeRobot-Version nach 0.6 Datensätze oder Policies von Reachy-Robotern enthält.
- 14. April 2025, Hugging-Face-Blog
- Hugging Face (fünfte Übernahme nach Gradio und XetHub)
- Pollen Robotics, Bordeaux, gegründet 2016
- Matthieu Lapeyre und Pierre Rouanet, früher Inria-Flowers-Team
- Nicht veröffentlicht
- Reachy 2 für 70.000 US-Dollar
- Je 7 Freiheitsgrade, bis 3 kg pro Arm
- Quelloffen, ROS 2 Humble, Python-SDK, VR-Teleoperation
- Seed über 2,4 Mio. Euro, April 2023
- Start Mai 2024; über 12.000 GitHub-Sterne bei Bekanntgabe
Warum das wichtig ist
Hugging Face, bekannt als Plattform für offene KI-Modelle, hat damit erstmals ein Unternehmen gekauft, das physische Produkte herstellt. LeRobot wird vom Werkzeug für fremde Roboter zu einem Stapel mit eigenem Roboter, Preisliste und Vertriebskanal.
Auch das Schweigen zu den Konditionen ist eine Aussage. Hugging Face veröffentlichte Produktpreis, Laborkunden und LeRobot-Chronik statt eines Transaktionswerts und will den Schritt offenkundig als Produkt- und Ökosystementscheidung verstanden wissen.
Wettbewerbsanalyse
Die meisten finanzstarken Humanoiden-Firmen halten Software und Modelle geschlossen. Figure AI sammelte im Februar 2024 675 Mio. US-Dollar ein und entwickelt eigene Modelle; NEURA Robotics, Humanoid und 1X haben jeweils weit mehr Kapital aufgenommen als Pollens Seed-Runde über 2,4 Mio. Euro. Pollens Vorteil liegt in Offenheit und einer installierten Basis in Laboren wie Cornell, Carnegie Mellon, CEA und CNRS.
Der direkte Wettbewerb um Laborbudgets kommt von kostengünstigeren Plattformen, auch von Unitree, die LeRobot ebenfalls unterstützen kann. Reachy 2 muss über Offenheit, VR-Teleoperation und Support punkten, nicht über den Preis.
Bewertungskontext
Ohne Kaufpreis lässt sich keine Bewertung ableiten. Geprüft sind für Pollen nur die Seed-Vereinbarung über 2,4 Mio. Euro vom April 2023 und das nach eigenen Angaben mit 2 Mio. US-Dollar dotierte XPRIZE-Preisgeld von 2022.
Die Vergleichsrunden zeigen den Abstand zum kapitalintensiven Ende des Marktes. Humanoid kommt auf 1,35 Mrd. US-Dollar Post-Money, Wandercraft auf 75 Mio. US-Dollar in der Serie D. Daraus lässt sich schließen, dass Hugging Face ein Team und eine Produktlinie gekauft hat, keinen skalierten Hersteller. Das ist eine Schlussfolgerung, keine offengelegte Tatsache.
Folgen für die Lieferkette
Der Reachy 2 ist ein Kleinserienprodukt mit Pollens eigenem Orbita-Gelenk, Armen mit sieben Freiheitsgraden, einer Omni-Rad-Basis mit LiDAR und CPU-basierter Rechentechnik. Lieferanten, Stückzahlen und Montageort hat Pollen nicht veröffentlicht.
Für deutsche Komponentenhersteller von Antrieben, Getrieben und Sensorik sind offene Konstruktionen interessant, weil sie kompatible Teile und Nachrüstungen ermöglichen. Solange Absatzzahlen fehlen, ist die Nachfrage jedoch kaum zu beziffern.
Worauf jetzt zu achten ist
Erstens, ob neue Reachy-2-Kunden über die Liste vom April 2025 hinaus genannt werden. Zweitens, ob offizielle LeRobot-Versionen Reachy-2-Unterstützung, Datensätze oder trainierte Policies mitbringen.
Drittens der Produkttakt. Reachy Mini vom 9. Juli 2025 zeigte, dass Pollen unter Hugging Face in tiefere Preisklassen geht. Ein günstigerer Humanoid in voller Größe würde zeigen, ob das Ziel bezahlbarer Robotik auch die Reachy-2-Klasse erreicht.
Analystensicht
These: Die Übernahme ist eine Daten- und Ökosystem-Investition im Gewand eines Hardwarestarts und sollte daran gemessen werden, wie viele Reachy-basierte Daten und Modelle auf dem Hugging Face Hub erscheinen.
Konfidenz: mittel. Die erklärte Begründung, die LeRobot-Chronik und der spätere Reachy Mini stützen die These. Höher ist sie nicht, weil Kaufpreis, Umsatz, Stückzahlen und Integrationsfahrplan fehlen und die Einsatzzahlen beider Firmen voneinander abweichen.
Offene Fragen
Wie viel hat Hugging Face gezahlt, und in bar oder in Anteilen? Wie viele Beschäftigte sind in Bordeaux geblieben, und bleibt die Hardwareentwicklung in Frankreich?
Wie viele Reachy 2 wurden seit April 2025 verkauft, und zu welchem Preis? Werden die Konstruktionsdaten des Reachy 2 so offen veröffentlicht wie die des Reachy Mini?