Robotersicherheitsnormen 2026 erklärt: ISO 10218 wurde für Arme und Cobots neu geschrieben, für laufende Humanoide fehlt das Regelwerk
Die Grundnorm für Industrierobotersicherheit, ISO 10218, wurde 2025 erstmals seit 2011 grundlegend überarbeitet, übernimmt die Cobot-Regeln der ISO/TS 15066 und ergänzt Cybersicherheit; die USA übernahmen sie im September 2025 als ANSI/A3 R15.06-2025.
Die Lücke sind laufende Humanoide: Ihre eigene Norm ISO 25785-1 war nach letzter Darstellung des US-Verbands A3 ein Arbeitsgruppenentwurf. Die EU füllt die Lücke mit Produktrecht, das ab Dezember 2026 und Januar 2027 gilt.
Das Regelwerk der Robotersicherheit wurde 2025 neu geschrieben, allerdings nur für die Maschinen, die bereits in den Fabriken stehen. ISO 10218, die Norm, nach der jeder Industriearm und jeder Cobot konstruiert und integriert wird, wurde erstmals seit 2011 grundlegend überarbeitet, die USA übernahmen sie im September 2025 als ANSI/A3 R15.06-2025. Laufende Humanoide, die das meiste Kapital anziehen, haben noch keine veröffentlichte eigene Norm. Ihr Entwurf ISO 25785-1 vermeidet das Wort Humanoid sogar.
Für deutsche Maschinenbauer und Integratoren kommt hinzu, dass ab dem 20. Januar 2027 die EU-Maschinenverordnung gilt. Dieser Beitrag erklärt, was sich in ISO 10218 geändert hat, was der Humanoiden-Entwurf regelt und wie EU, Korea, China und die USA die Lücke dazwischen füllen.
Die Revision macht Sicherheitsfunktionen explizit statt implizit
Der US-Verband Association for Advancing Automation (A3) teilte am 17. Februar 2025 mit, ISO habe die überarbeiteten Teile 1 und 2 nach fast acht Jahren Arbeit hunderter Fachleute veröffentlicht. Teil 1 richtet sich an Roboterhersteller, Teil 2 an Systemintegratoren, die aus dem Roboter eine Zelle machen. Kern sei, funktionale Sicherheitsanforderungen explizit statt implizit zu formulieren, so A3. Ein Käufer kann damit prüfen, welche Sicherheitsfunktion was leistet und wie sie getestet wurde.
Drei frühere Dokumente gingen in der Norm auf: die Cobot-Regeln der Technischen Spezifikation ISO/TS 15066 mit ihren Kraft- und Druckgrenzen sowie die Technischen Berichte ISO/TR 20218-1 und -2 zu Endeffektoren und manueller Be- und Entladung. Neu sind Roboterklassen mit zugehörigen Sicherheitsfunktionen und Prüfverfahren sowie erstmals Anforderungen an die Cybersicherheit. Eine kompromittierte Steuerung gilt damit ausdrücklich als Sicherheitsrisiko.
Roberta Nelson Shea, Global Technical Compliance Officer bei Universal Robots und Leiterin der zuständigen ISO-Arbeitsgruppe, sagte bei der Veröffentlichung, die Normen seien weltweit anerkannt, hätten aber mit dem Tempo der Automatisierung Schritt halten müssen.
Die USA übernahmen die Norm nach 204 Tagen
A3 veröffentlichte am 9. September 2025 ANSI/A3 R15.06-2025, die US-Übernahme der Teile 1 und 2, 204 Tage nach der ISO-Ankündigung und als Ersatz der Fassung von 2012. Integratoren fällt eine Umbenennung auf: Aus dem sicherheitsbewerteten überwachten Halt wird der überwachte Stillstand. Ein Teil 3 für Betreiber soll folgen.
Eine Cobot-Zelle des Jahres 2026 wird damit gegen ein Dokument geprüft statt gegen Norm plus Spezifikation. Für einen Roboter, der nur steht, solange seine Motoren bestromt sind, ist keines dieser Dokumente geschrieben.
Humanoide fallen um, und genau darum geht es im Entwurf
Nach Darstellung von A3 wählten Vertreter von A3, Agility Robotics und Boston Dynamics für die Arbeitsplatznorm einen anderen Begriff. Der Arbeitsgruppenentwurf der ISO 25785-1 vom Mai 2025 erfasst industrielle mobile Roboter mit aktiv geregelter Stabilität. Die Definition setzt beim Risiko an: Eine Maschine, die zum Balancieren ständig Energie braucht, kippt bei Stromausfall, und ein schwerer Roboter, der auf einen Menschen fällt, ist eine Gefahr, die ein umzäunter Arm nie darstellte.
MEKAWIRE hat keine veröffentlichte Ausgabe der ISO 25785-1 gefunden. Bis dahin müssen Hersteller die Sicherheit über allgemeine Maschinensicherheit, ISO 10218 für den Armteil und nationale Zulassungswege begründen.
Die EU setzt auf Produktrecht, Korea auf Genehmigungen, China auf ein Normensystem
Die EU wählt das Produktrecht. Die neue Produkthaftungsrichtlinie behandelt Software einschließlich KI ab dem 9. Dezember 2026 als Produkt, die Maschinenverordnung gilt ab dem 20. Januar 2027, in 95 Tagen. Für Integratoren im Maschinen- und Anlagenbau heißt das: Wer eine lernende Zelle in Verkehr bringt, braucht eine Sicherheitsargumentation, bevor harmonisierte Normen für Humanoide existieren.
Südkorea wählt Genehmigung und Zertifizierung. Das Handelsministerium schrieb am 23. März 2026 ein Zertifizierungszentrum für Humanoide mit bis zu 9,681 Mrd. Won Fördergeld für 2026 bis 2030 aus, rund 1,936 Mrd. Won pro Jahr. Am 13. Oktober erlaubte ein Sandbox-Ausschuss Robros, 20 laufende Humanoide an vier Standorten neben Beschäftigten einzusetzen, und hob dafür eine für feste Roboter geschriebene Umzäunungsregel auf.
China wählt ein Normensystem. Ein Ausschuss unter dem Industrieministerium veröffentlichte am 28. Februar 2026 ein sechsteiliges Rahmenwerk von KI-Modellen über Gelenke bis zur Sicherheit, erarbeitet mit mehr als 70 Unternehmen, darunter Unitree und AgiBot.
MEKAWIRE-Analyse
Die erste verbindliche Sicherheitsregel für Humanoide wird nicht von ISO kommen, sondern aus einer behördlichen Genehmigung oder einem Produkthaftungsverfahren, und in Europa wird die Maschinenverordnung diese Rolle übernehmen, bevor ISO 25785-1 erscheint.
- ISO 10218-1:2025
- Industrieroboter, Konstruktion und Sicherheitsfunktionen
- 2025 veröffentlicht (erste große Revision seit 2011)
- Roboterhersteller
- ISO 10218-2:2025
- Roboteranwendungen und Zellen inkl. kollaborativem Betrieb (frühere ISO/TS 15066)
- 2025 veröffentlicht
- Systemintegratoren
- ISO 10218-3
- Betreiber von Roboterzellen
- Von A3 im September 2025 angekündigt
- Betreiber
- ANSI/A3 R15.06-2025
- US-Übernahme der ISO 10218-1 und -2
- Veröffentlicht am 9. September 2025
- US-Hersteller und Integratoren
- ISO 25785-1
- Mobile Roboter mit aktiv geregelter Stabilität (Laufroboter, Humanoide)
- Arbeitsgruppenentwurf Mai 2025 (A3), keine veröffentlichte Ausgabe gefunden
- Hersteller von Humanoiden und Laufrobotern
- Verordnung (EU) 2023/1230
- Maschinen auf dem EU-Markt, ersetzt die Maschinenrichtlinie
- Gilt ab 20. Januar 2027
- Alle Anbieter in der EU
Quellen: A3-Mitteilungen vom 17. Februar und 9. September 2025, A3-Fachbeitrag zu Humanoiden, Maschinenseite der EU-Kommission. Die ISO-Katalogseiten waren für die Redaktion nicht abrufbar, der Status folgt A3 und der Kommission.
Stand: 17. Okt. 2026
Der Beleg ist der Zeitplan. Die Revision der ISO 10218 dauerte fast acht Jahre, zwischen zwei großen Ausgaben lagen 14 Jahre. Der Humanoiden-Entwurf war im Mai 2025 im Arbeitsgruppenstadium, die Einsatzpläne der Hersteller rechnen schon in Tausenden. Robros' 20 Einheiten sind 0,08 Prozent der 25.000 Atlas, die Hyundai nach eigenen Angaben plant, und doch ist Korea in unseren Daten der einzige Staat, der formal geregelt hat, wer einen laufenden Humanoiden neben Menschen arbeiten lassen darf.
- EU
- Produkthaftungsrichtlinie mit Software
- 2026-12-09
- KI-Software gilt als Produkt
- EU
- Maschinenverordnung
- 2027-01-20
- Ersetzt die Maschinenrichtlinie
- Südkorea
- Zertifizierungszentrum für Humanoide (MOTIE)
- 2026-03-23
- Bis zu 9,681 Mrd. Won 2026 bis 2030, drei Verbandsnormen und KOLAS-Akkreditierung
- Südkorea
- Sandbox-Genehmigung für Robros
- 2026-10-13
- 20 laufende Humanoide neben Beschäftigten an vier Standorten
- China
- Normensystem Humanoide und Embodied AI (Ausgabe 2026)
- 2026-02-28
- Sechs Teile inkl. Sicherheit, über 70 Unternehmen
- USA
- ANSI/A3 R15.06-2025
- 2025-09-09
- Nationale Übernahme der ISO 10218-1 und -2
Aus verifizierten MEKAWIRE-Meldungen und den genannten Primärquellen. Berechnet: 9,681 Mrd. Won / 5 Jahre = rund 1,936 Mrd. Won pro Jahr; Robros' 20 Einheiten entsprechen 0,08 Prozent der von Hyundai genannten 25.000 Atlas (20 / 25.000).
Stand: 17. Okt. 2026
Für den deutschen Mittelstand ist die zweite Wirkung wichtiger: Cybersicherheit steht jetzt in ISO 10218, und NVIDIA stellte am 28. September 2026 eine offene Sicherheitsplattform für KI-Agenten vor, auf der Figure, Skild AI und Gecko Robotics aufbauen. Wenn ein Vision-Language-Action-Modell die Bewegung wählt, muss die Sicherheitsfunktion zwischen Modell und Antrieb sitzen. Für Schaeffler, Neura und andere europäische Anbieter von Humanoid-Komponenten wird die CE-Konformität damit zum Verkaufsargument.
Das stärkste Gegenargument: Mit großen Herstellern am Tisch geht ISO-Arbeit schneller, und Agility und Boston Dynamics haben durch die Mitarbeit an der Definition einen Vorsprung, egal wann die Norm kommt. Erscheint ISO 25785-1 2027, werden nationale Sandboxen zur Fußnote.
Bull Case: Harmonisierte Normen zur Maschinenverordnung greifen den ISO-Entwurf auf, europäische Hersteller erhalten die ersten CE-Kennzeichnungen für Laufroboter, Kunden investieren. Bear Case: Ein Unfall mit einem Humanoiden 2027 kommt vor jeder Norm, Gerichte füllen über die Produkthaftung die Lücke, Versicherer preisen kleine Fabriken aus dem Markt.
Zu beobachten sind die Veröffentlichung der ISO 10218-3 für Betreiber, die erste CE-Kennzeichnung eines laufenden Humanoiden nach dem 20. Januar 2027 und harmonisierte Normen zur Maschinenverordnung, die dynamisch stabile Roboter ausdrücklich erfassen.
- ISO published revised ISO 10218 Parts 1 and 2 in early 2025, the first major revision since 2011, after nearly eight years of work, A3 said on Feb 17, 2025.
- Part 1 covers robot manufacturers and Part 2 covers robot applications and cells built by system integrators; a Part 3 for users of robot cells was announced as coming later.
- The revision folds the cobot rules of ISO/TS 15066 and the end-effector and manual load guidance of ISO/TR 20218-1 and -2 into the standard, adds robot classes with matching safety functions and tests, and adds cybersecurity requirements.
- The US adopted it as ANSI/A3 R15.06-2025 on Sept 9, 2025, 204 days after A3 announced the ISO edition; 'safety-rated monitored stop' is renamed 'monitored standstill'.
- A3 said the ISO 25785-1 working-group draft of May 2025 covers 'industrial mobile robots with actively controlled stability', robots that fall when power is lost, rather than using the word humanoid.
- The EU Machinery Regulation applies from Jan 20, 2027, 95 days from Oct 17, 2026; new EU product-liability rules covering software apply from Dec 9, 2026.
- Korea's trade ministry offered up to KRW 9,681 million for 2026 to 2030 for a humanoid safety and security certification centre, and its sandbox cleared Robros on Oct 13, 2026 to run 20 walking humanoids beside workers.
- China's Humanoid Robot and Embodied Intelligence Standard System (2026 Edition), released Feb 28, 2026, has six parts including safety and was drafted with more than 70 companies.
Warum das wichtig ist
Die Sicherheitsfreigabe, nicht die Leistungsfähigkeit, entscheidet über Humanoide neben Menschen. ISO 10218:2025 bietet Armen und Cobots ein einheitliches Dokument mit expliziten Sicherheitsfunktionen und Cybersicherheit und senkt damit Integrationskosten im bestehenden Markt. Laufende Humanoide haben kein veröffentlichtes Pendant.
In Europa wird die Maschinenverordnung ab dem 20. Januar 2027 zum faktischen Maßstab, flankiert von der Produkthaftung ab dem 9. Dezember 2026.
Wettbewerbsanalyse
Agility Robotics und Boston Dynamics arbeiten laut A3 am ISO-Entwurf mit, Universal Robots stellt die Leiterin der ISO-10218-Arbeitsgruppe. In Korea hält Robros die erste Sandbox-Freigabe für 20 Laufroboter, in China arbeiteten Unitree und AgiBot am nationalen Normensystem mit.
Europäische Humanoid-Hersteller und Zulieferer wie Neura oder Schaeffler müssen ihre Konformitätsstrategie aufstellen, bevor harmonisierte Normen für dynamisch stabile Roboter vorliegen.
Bewertungskontext
Sicherheitsreife wird in Finanzierungsrunden nicht separat bepreist, bestimmt aber den Umsatzzeitpunkt. Eine CE-Kennzeichnung oder nationale Freigabe sollte wie ein erster Serienauftrag gewertet werden.
Die Produkthaftung ab Dezember 2026 erhöht die potenziellen Kosten softwaredefinierter Roboter in Europa, relevant für jede Bewertung, die auf europäischem Flottenumsatz beruht.
Folgen für die Lieferkette
Explizite Sicherheitsfunktionen treiben die Nachfrage nach zertifizierten Komponenten: sicherheitsbewertete Steuerungen, Encoder, Bremsen, Drehmomentsensorik in Gelenken, Sicherheitslaserscanner und Radar. Für Humanoide gewinnen Gelenkbremsen, ausfallsichere Batteriesysteme und kontrolliertes Absinken an Gewicht, ein Feld für deutsche Antriebs- und Sensorhersteller.
Die Cybersicherheitsanforderungen der ISO 10218 begünstigen Lieferanten mit industriellen Security-Zertifizierungen.
Worauf jetzt zu achten ist
1. Veröffentlichung der ISO 10218-3 oder ihrer ANSI-Übernahme. 2. Formale Abstimmung oder Veröffentlichung der ISO 25785-1. 3. Erste CE-Kennzeichnung eines laufenden Humanoiden nach der Verordnung (EU) 2023/1230 ab dem 20. Januar 2027. 4. Harmonisierte Normen zur Maschinenverordnung für mobile und dynamisch stabile Roboter. 5. Erste Produkthaftungsklage in der EU zu KI-gesteuertem Roboterverhalten nach dem 9. Dezember 2026.
Analystensicht
These: Die Sicherheit von Humanoiden wird zuerst durch Genehmigungen und Produktrecht geregelt, dann von ISO kodifiziert. Zuversicht: mittel. Die Geschichte der ISO 10218 spricht für langsame Normungsarbeit. Abschwächend wirkt, dass die Redaktion den ISO-Katalog nicht abrufen konnte und sich beim Entwurfsstatus auf A3 stützt.
Unsere Sicht würde sich ändern, wenn ISO 25785-1 2027 erscheint oder harmonisierte Normen zur Maschinenverordnung Laufroboter ausdrücklich abdecken.
Offene Fragen
1. Auf welche Zulassung oder Prüfnorm stützen Sie den ersten Einsatz eines Laufroboters neben Beschäftigten, und wann? 2. Wie verhält sich der Roboter bei Stromausfall: kontrolliertes Absinken, Bremsen oder unkontrollierter Sturz? 3. Wo trennt Ihre Architektur das bewegungserzeugende KI-Modell von der Sicherheitsfunktion? 4. Arbeiten Sie direkt oder über DIN in ISO/TC 299 mit? 5. Wie ändern die Produkthaftungsregeln ab 9. Dezember 2026 Ihre Gewährleistungs- und Versicherungsbedingungen?